>>>Hier ist ein Verzeichnis und ein Hinweis auf die Lesungen im Herbst/Winter 2014. Alle eingeladen! Alles schöne Veranstaltungen! In Wiesbaden, Frankfurt und Eltville.
Heute ist Tag des offenen Denkmals, auch in Wiesbaden. Unter anderem zu sehen ist die Nassauische Aartalbahn am Moritz-Hilf-Platz 2 in Dotzheim mit „einmaliger Trassierung und sozialgeschichtlicher Bedeutung“, schade nur, dass sie nicht mehr zu ausgewählten Terminen fährt; und das Bodenstedt Haus in der Rheinstraße 78. Der Dichter und Übersetzer >>>Friedrich von Bodenstedt (1819-92) verbrachte hier seine letzten Lebensjahre. 15 Uhr Vortrag von Jochen Enders: Friedrich von Bodenstedts (1819-92) und sein Russlandbild.
Neulich habe ich Heimat 3 beziehungsweise das >>>Günderodehaus beziehungsweise Oberwesel besucht. Hier oben spielten Teile des Films von >>>Edgar Reitz an exponierter Stelle, hier lebte der Reitz-Held „Hermännchen“ mit seiner großen Liebe Clarissa, zur Zeit des Mauerfalls 1989.
Komplizierte Geschichte, übrigens.
Blick vom Günderrode-Haus zum Rhein hinunter
Heimat: Das war die Geschichte von Maria Simon und ihrer Familie aus dem (fiktiven) Hunsrückdorf *Schabbach*. Maria Simon, die Hauptfigur der ersten Staffel, bekam drei Söhne von zwei Vätern: Ernst, Anton und Hermann. Hermann wurde dann die Hauptfigur von Heimat 2: Er ging darin nach München und tauchte ins Studentenleben und die Kunst-Avantgarde ein. In Heimat 3 kehrt er wieder ins Rheintal und in den Hunsrück zurück.
Komplizierte Geschichte, übrigens.
(Hier der deutsche Heimat-Trilogie-Trailer mit englischen Untertiteln, das „Heimat“ oder „Günderodehaus“ betreffend: „Könntet ihr euch vorstellen, für mich zu arbeiten? Ich zahle zehn Mark die Stunde.“ Heimat-Trilogie: 52 Stunden, 30 Episoden)
Haus in Ransel
Ungefähr zur gleichen Zeit lebte ich in einem Höhendorf bei Lorch, gegenüber von Niederheimbach und der Burg Sooneck. Ich weiß nicht, wie oft ich diese kleine Fähre von Lorch nach Niederheimbach genommen habe, Freunde von uns wohnten dort drüben, die Landfreaks mussten damals zusammenhalten. Ransel hieß das Höhendorf, und wenn „Heimat“ von Edgar Reitz gesendet wurde, waren alle Straßen wie leergefegt.
Fähre von Niederheimbach nach Lorch
Ortseingang Ransel
Ja, Ransel, mein schönes Dorf. Damals gab es dort noch zwei Lebensmittelläden, einen Bäcker, einen Metzger, einen Milchbauern, einen Elektroladen und ein Textilhaus. Die Läden haben alle bis auf zwei zugemacht, es gibt nur noch das Textilhaus und den Elektroladen, der gleichzeitig ein Handwerksbetrieb ist. Das Alte Rathaus und die Alte Schule sind verwaist. Oh ja, der Niedergang der Dörfer wäre ein tragisches Heimat 5-Thema. Unten in Lorch stehen auch die Läden leer und in Niederheimbach oder in Oberwesel auf der anderen Rheinseite auch. Wer das nicht sieht, sieht den Landstrich nicht. Es fährt einem durch Mark und Bein.
Rheinufer
Zunächst hatte ich keinen Führerschein (mein erstes Auto, einen Opel, hatte ich mit 26, und fuhr ihn im Wald von Nastätten kaputt, aber das ist eine andere Geschichte, danach hatte ich nie wieder Kopfhörer mit Musik auf den Ohren). Also gurkte ich morgens um halb sechs mit den anderen grüngesichtigen Nasen im Bus nach Lorch hinunter, nahm die Bahn von Lorch nach Wiesbaden, und von dort schließlich eine studentische Mitfahrgelegenheit von Wiesbaden nach Frankfurt. Über den Zeitaufwand reden wir jetzt nicht; Geschichten von nervenzerfetzendem Rumgurken mit öffentlichen Verkehrsmitteln können die Leute vom Mittelrhein erzählen, da ließe sich eine bittersüße Anthologie draus machen.
Weite Horizonte der rheinischen Höhendörfer
Das machte einen an sich fix und fertig; dafür hatte man es schön daheim. Der Blick von Ransel aus in alle Richtungen ist sensationell. Ob Hunsrück, ob Westerwald, ob Hochtaunus, rundherum kann man sich da oben von Horizont zu Horizont freigucken. „Nichts soll meine Schritte fesseln“, schrieb die gute >>>Karoline von Günderrode, und nichts fesselte meine Schritte. Ja – ich studierte Germanistik, ich hatte Zeit, ich hatte einen Hund und ich erlief mir diese ganze sagenumwobene Gegend. Die Loreley war nur zehn Kilometer entfernt, und mit dem Rad konnte man ins Wispertal und an den Rhein hinunterstechen.
Rhein bei Oberwesel
Die Rheinlandschaft des Oberen Mittelrheintals hat etwas Archaisches, Mythisches, Ursprüngliches. Insbesondere wenn man auch abseits des Rheins in die Seitentäler hineinwandert. Heute ist das Rheintal viel wilder als früher. Die Natur ist zurückgekehrt. Wege wachsen zu, alte Weinlagen und Wiesen versteppen (das kann man auch anders sehen, ich weiß). Und vor allem: Die Wasserqualität des Rheins ist wieder in Ordnung.
Burg Stahleck in Bacharach
Ich habe schon einmal ein Wochenende in einer Burg am Rhein verbracht – das ist einfacher, als man denkt. Mit der >>>Autorengruppe Mainz war ich in der Jugendherberge auf der Burg Stahleck in Bacharach, wir dichteten dort. Ich schlief nachts in einem Einzelzimmer hoch über dem Rhein, das war großartigst. Die Kirchenglocken von Bacharach kommunzierten mit denen von Kaub über den Fluss hinweg, und auch die kleinen Gemeinden stimmten ein, das ganze Rheintal läutete. Das war sehr ergreifend.
Und einer der Serienträume meiner Jugend besteht darin, dass ich allein auf einem Schiff von Wiesbaden aus den Rhein bis nach Koblenz hochtreibe. Spektakuläre Träume waren das.
Burg Sooneck
Und die majestätische Burg Sooneck also, um jetzt langsam mal die Kurve zu kriegen, thront auf der anderen Seite des Rheins, an einer recht engen Stelle, unweit des Steinbruchs. Früher bin ich da oft herumgestreift, nebenan ist der Siebenburgenblick, da geht es ganz schön steil hoch. Das wäre was für >>>meine Wandergruppe, sonst durchkämmen wir die Alpen oder die Eifel.
Blick von Sooneck in den Rheingau
Projekte hier für ein halbes Jahr, neben dem Projekt Oberes Mittelrheintal selbst? Vielleicht könnte ich >>>Dostojewskis Erben, die Autorengruppe aus dem Literaturhaus Villa Clementine, einladen und wir machen eine Burglesung. Oder das >>>Wiesbadener Bloggerinnennetzwerk Ariadne kommt mal vorbei und macht eine Blogparade: Dieses Jahr hatten wir >>>#mein Sommer , auch wenn der meinige etwas nass ausfiel. Oder der >>>Leinpfadverlag aus Ingelheim klinkt sich ein, die haben ein sehr schönes, auch regionales, Buchprogramm und sind unterwandert von Dostowjeskis Erben.
Auto an der Liebfrauenkirche in Oberwesel
Doch, ich bin zuversichtlich. Mein Auto hat gerade neuen TÜV und federt tatendurstig auf einem Satz neuer Allradreifen. Außerdem treibt ihm die Aussicht auf einen grandiosen Parkplatz mit Aussicht Tränen der Begeisterung in die Augen. Wir kämen da hoch zur Sooneck! Im Winter, könnte ich mir vorstellen, wäre das eine Herausforderung, obwohl ich keine ängstliche Fahrerin bin, aber der #burgenblogger soll ja von Mai bis Oktober 2015 dort Gutes tun. Wenn sie es nicht schon hingeschrieben hätten, würde ich nur W-LAN begrüßen.
Boot am Rhein
Ein bisschen Sorgen machen mir noch diese Stechmücken, von denen man am Rhein böse Geschichten hört (und wegen derer ich immer froh war, im Höhendorf zu sein), aber da hat Burgverwalter Klaus Collerius sicherlich schon einen Plan.
Neulich habe ich schon mal einen Beitrag zur Netzwerk-Ariadne-Blogparade #mein_Sommer geschrieben – der auf die wasserreichen Wetterereignisse in Wiesbaden einging – jetzt bin ich (weil er auch so lange dauert, der Sommer) mit dem zweiten Teil in München. Abgesehen von den unvermeidlichen Laubbläsern im Schlosspark Nymphenburg, dem Porzellanschloss Lustheim (später mehr) und dem kognitiv herausfordernden Schilderwald (in Ingolstadt) hatte ich einen furiosen Dahlientag im >>>Botanischen Garten in München – man kann es nicht anders sagen. (Als ob es nur Dahlien im Botanischen Garten gäbe …) Dahlien, auch Georgien genannt, sind krautige Gewächse, die in den Hochebenen Guatemalas und Mexikos heimisch sind. Aber sie können auch, geschickt im Frühjahr vergraben, bei uns ausbrechen … Sie sind sehr speziell – wenn man sie zum ersten Mal im Sommer sieht, rollt man mit den Augen, weil – HEY!!! – zu früh. Die Dahlien kündigen uns unweigerlich den Herbst an. Man stellt sie also aus Selbstschutzgründen erstmal auf *Ignore* und freut sich lieber ostentativ an der zweiten Rosenblüte oder allgemein den Früchten am Baum.
Wenn die Dahlien aber unweigerlich in Fahrt kommen und man sich mit dem Konzept „Spätsommer/Frühherbst“ abgefunden hat, dann sind sie nicht mehr zu übersehen, sie drängen, ja platzen ins Bild.
Und mal ehrlich: Es gibt unter den Blumen nichts Aufregenderes als Dahlien (wir erinnern uns: Einwanderer aus Guatemala und Mexiko), die es in allen Farben gibt, sogar in Schwarz. (Refer to: James Ellroys Schwarzer Dahlie)
Dahlien, jawohl, sind zügellos und hemmungslos, weniger ist mehr gilt für sie nicht, sie sind erotisch. Und sie bäumen sich mit ihrer verschwenderischen Pracht – zusammen mit unserem mitteleuropäischen Indian Summer – gegen die Minimal Art unseres Winters auf, der – natürlich übrigens nicht unsympathisch – versucht, sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren und etwas mehr Ernsthaftigkeit in den Diskurs der Jahreszeiten zu bringen.
Okay, so soll es denn sein. Wir sind so weit.
Spätsommer!
Dahlien!
Dies war ein (weiterer) Beitrag zur Blogparade #mein_Sommer vom >>>Netzwerk Ariadne in Wiesbaden.
„Bobby helped many with his insight, advice, opinions, and encouragement and support. From models to designers to artists to dancers to performers, musicians, photographers, business people, and just plain friends.“
Eijeijei – „Die Menschen der Antike glaubten zwar nicht mehr, dass sie rote Papageien oder Krokodilsbrüder seien, wohl aber waren noch in das magische Gespinst verwoben.“ (C.G.Jung)
(DAS sind wir ja wohl alle.)
„Der Primitive hat, bei einem Minimum von Selbstbesinnung, ein Maximum von Bezogenheit aufs Objekt, das sogar einen direkt magischen Zwang auf ihn ausüben kann.“ (C.G.Jung)
Na ja. 1928 erschienen. Manchmal muss man alte Schriften lesen, um zu realisieren, mit was man heute alles nicht mehr durchkäme. Zumindest in *unserer* Denktradition.
Und was bin ich froh, dass ich immer meinen guten alten Fritz Mauthner und seine „Beiträge zu einer Kritik der Sprache“ gehabt habe, die ich schon mit 18 durchgeackert habe (später Magister damit gemacht), der mich vor allerlei Sprachunsinn ein und für allemal bewahrt hat – auch vor „wissenschaftlichem“.
Es gibt Menschen, die einen fürs Leben prägen. Fritz Mauthner ist einer davon.
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