Louise Erdrich: Schattenfangen

Gewalt entziffern: Das bin doch nicht ich

Warum verlässt eine bürgerlich-mittelständische Frau mit allen Freiheiten ihren Mann nicht, der immer wieder gewalttätig wird? Das ist das zentrale Thema des Buches „Schattenfangen“ und die US-amerikanische Autorin gibt eine interessante Antwort darauf. Von Christiane Geldmacher.

Irene America und Gil LaRose, beide US-Amerikaner mit indianischen Wurzeln, führen ein wohlhabend-bürgerliches Leben. Gil ist ein bekannter Maler (er gilt in Fachkreisen als der indianische Edward Hopper), Irene ist Kunsthistorikerin. Die beiden haben kluge, außergewöhnlich begabte Kinder, der ältere Sohn Florian will Physiker werden, seine Schwester Riel bildet sich, ganz neoindianisch, zur Mandankämpferin aus. Um die zerrüttete Familie zu retten. Denn die Eltern sind beide Trinker und in einer Hassliebe gefangen. (In einer wunderbaren Szene werden diese beiden Teenager später – leicht suizidal – auf dem Dach sitzen, einen Joint rauchen, eine Flasche Rotwein trinken und sich fragen, welches physikalische Teilchen sie sind: Ein unbewiesenes Teilchen, ein W-Boson oder ein WIMP? Ein WIMP ist ein massereiches Teilchen mit schwacher Wechselwirkung und sie finden, dass ihre Mutter ein WIMP ist, weil sie sich alles von Gil gefallen lässt.)

Irene entdeckt, dass ihr Mann Gil heimlich ihr Tagebuch liest. Also  fängt sie ein zweites an und versteckt es im Schließfach einer Bank. Das alte führt sie weiter und füllt es mit Sätzen wie „Ich verliere noch mal den Verstand wegen dieser Geschichte“, die ihren Mann in eifersüchtige Raserei versetzen. Immer weiter treibt sie dieses Spiel, sie wird hundsgemein dabei, und man fragt sich warum. Sie riskiert alles, sie ist eine starke Frau.

Undurchsichtige Machtverhältnisse

Alles in diesem Buch ist vieldeutig. Denn es ist der cholerische Vater Gil, der diese Familie, ein Nest von Hochbegabten, zusammenhält. Er sorgt dafür, dass die Kinder was Gescheites zu essen haben. Dass sie in der Schule nicht absacken. Dass das Haus nicht im Chaos versinkt. Irene stapelt überall  Bücherberge hoch, sie liest die Bücher nie fertig, sie schreibt nur Zitate heraus für ihre Dissertation. Sie will seit Jahren über George Catlin promovieren, einen Maler, der im 19. Jahrhundert quasi-ethnologisch die amerikanischen Indianer porträtiert hat. Problem ihrer Dissertation Nummer 1: Irene hat  erst sechs Seiten. Problem Nummer 2: Gil kann den mediokren Maler nicht ausstehen und macht ihn schlecht.

Weiterer Zündstoff in der Ehe ist Gils Bilderzyklus, den er sinnigerweise „America 1-70“ genannt hat und der immer nur seine Frau abbildet. Er idealisiert sie, pornografisiert sie, demütigt sie. Er behauptet, dass das sein politischer Kommentar zur Situation der Indianer in den USA ist. Irene hält das für scheinheilig. Meistens schaut sie sich die Bilder gar nicht an. Und wenn doch, erkennt sie sich nicht wieder.

Scheinheilig findet sie ihn auch, wenn sie über „Privatheit“ diskutieren. Ihr geht es um ihre Tagebücher, ihm um die Schnüffelei der US-amerikanischen Heimatschutzbehörde nach dem elften September.

Ausgereifte Erzähltechnik

Louise Erdrichs Buch ist perspektivisch vielschichtig erzählt. Erzählebene 1 ist Irene (in ihren beiden Tagebüchern), Erzählebene 2 ist Gil, Erzählebene 3 ist die Tochter Riel und Erzählebene 4 ein auktorialer Erzähler, der sich am Ende als nicht ganz so auktorial herausstellt wie vermutet. Das ist hochartistisch gemacht, ohne billige Effekte, ohne reißerische Interessantmacherei. Erdrich hat eine eigene (Bilder-)sprache, brillante Dialoge und eine Fülle kontroverser Diskurse, die so intelligent präsentiert werden, dass man ihnen sogar hinterher googelt.

Erdrich nimmt ihre Figuren ernst und lässt ihnen Gerechtigkeit widerfahren. Besonders gelingt ihr das Porträt der Tochter Riel, deren Hingabe und Witz den Leser fesselt. Zu Anfang der Story ist die Tochter noch ganz auf der Seite der Mutter, später wird sie sich dem Vater zuwenden. Über ihren Vater wird Riel schreiben: „Er ist so einer, der malen kann, der kochen kann, der ein Haar durch 36 Blatt Papier ertasten kann.“ Kein schlechtes Kompliment von einer Tochter.

Schlussendlich wird sie es sein, die ihren verwirrten, radikalen und kunstbesessenen Eltern ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

„Schattenfangen“: Das ist ein Buch, das da weiter denkt, wo andere aufhören. Es ist spannend und unterhaltsam, voller erzählerischer Detailfreude, Situationswitz und Tragik. Rasend gut!

Christiane Geldmacher

Louise Erdrich: Schattenfangen (Shadow Tag, 2010). Deutsch von Chris Hirte. Roman. Berlin: Suhrkamp Verlag 2011. 240 Seiten. 17,90 Euro. Verlagsinformationen zum Buch und Leseprobe. Wikipedia über Louise Erdrich.

(Diese Rezension erschien zum ersten Mal am 25. Juni 2011 in CrimeMag)

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Alice Munro: Zu viel Glück

(Diese Rezension ist zum ersten Mal im LitMag am 28. September 2011 erschienen)

Ich wurde erwachsen und alt

Alice Munro, gerade 80 Jahre alt geworden, ist noch kürzer in ihren Erzählungen geworden. Dabei war die kanadische Schriftstellerin schon immer kurz; eine typische Erzählung in „Tricks“ oder in „Himmel und Hölle“ zählt zwischen 40 und 60 Seiten. In „Zu viel Glück“ sind es jetzt oft nur noch 30 Seiten. Aber ihre Kunst ist es, in diese 30 Seiten ganze Lebensgeschichten zu packen. Von Christiane Geldmacher.

Ihre Beobachtungsgabe lässt die Leser feinste charakterliche Nuancen in detailliert gezeichneten psychologischen Studien entdecken. Es sind immer die großen,  existentiellen Themen, die sie beschäftigen. Munro erzählt von Liebe und Hass, von Glück und Grauen, ohne dass sie jemals in Kitsch oder Pathos verfiele. Sie schildert die Gleichgültigkeit und wie sie uns das Leben zerstören und uns jeden Tag die Luft anhalten lässt.

Meistens beginnen die Storys mit einer Alltagssituation. In „Tieflöcher“ packt Sally  gefüllte Eier für ein Picknick ein, die später niemand essen wird (ihr Sohn wird bei diesem Picknick abstürzen, nie mehr richtig laufen können, erwachsen werden, ergrauen, den Kontakt zu seinen Eltern abbrechen und sich trotz bestem „Hintergrund“ seinen Unterhalt auf der Straße zusammenbetteln). Roy, ein Polsterer und Restaurator, bekommt in „Holz“ mehr Aufträge, als er bewältigen kann und stellt trotzdem niemanden ein, weil er ein schrulliger Einzelgänger ist (er wird allein in den Wald ziehen, stürzen und auf allen Vieren über Stock und Stein kilometerweit zu seinem Lieferwagen zurückkriechen). Doree, ein Zimmermädchen, wird drei verschiedene Busse nehmen, um in der Klinik anzulangen, in der ihr psychisch kranker Mann untergebracht ist, der in einem Anfall ihre drei gemeinsamen Kinder umgebracht hat).

Keine Kompromisse

Munros Erzähltechnik besteht darin, ihre Geschichten in der Mitte anzufangen und sie dann vor- und zurückzuerzählen. Das macht sie diskursiv,  intelligent, überraschend. Sie springt zwischen den einzelnen Zeiten hin und her und löst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Erleben und der Erinnerung des Menschen auf. So kann es passieren, dass die Lebenden mit den Toten sprechen. Ein erzählerisches „Geht nicht“ gibt es bei Munro nicht. Wichtig ist es,  den eigenen Ton zu finden, den unverwechselbaren Stil, eine erzählerische Idee. Sie  hat eine fundierte Kenntnis von Komposition. Ihr Ton ist souverän, ruhig, auf den ersten Blick unspektakulär, auf den zweiten jedoch hochdiffizil. Sie berichtet kontrastreich, mit Leichtigkeit, voller Witz, Präzision, voller Komplexität und Gedankenreichtum.

Dabei geheimnisst sie nie herum oder versucht, sich für den Leser interessant zu machen. Sie macht nie Kompromisse: Wer sie nicht begreift, soll ihre Bücher zur Seite legen. Und sie macht uns nie was vor. Das Glück ist nicht dauerhaft. Kaum haben die Menschen in ihren Geschichten sich gefunden, verlieren sie sich schon wieder. Oder sie behalten sich, kriegen Kinder, ziehen sie groß,  langweilen sich und sterben. Und einer stirbt immer früher als der andere und lässt den anderen allein.

Neu in diesem Erzählungsband sind ein paar Seitenhiebe, die wir so sonst nicht von Munro kennen, die aber unterhaltsam sind. Es ist ihr unbegreiflich, wie man sich als Leser nur für eine Unterschrift in langen Buchhandlungs-Schlangen anstellen kann. An anderer Stelle bemerkt sie spitz, dass in der Literatur nur Romane, aber nicht Erzählungen als Schwergewichte gelten. Munro selbst hat nur einen „kurzen Roman“ (90 Seiten; Die Liebe einer Frau – The Love of a Good Woman, 1998) geschrieben und das ist wahrscheinlich der Grund, warum ihr nie der ganz große Durchbruch gelungen ist, obwohl sie eine der herausragenden Stilisten der Gegenwart ist. Die Erzählung ist ihre Wahl: Sie bleibt immer bei der kleinen Form. Sie konzentriert sich auf das Wesentliche. Das, was sie selbst an einem Leben interessiert.

Der Vorteil eines Erzählungsbandes mit zehn Geschichten: Die Leser können einen ganzen Munro mit all seiner Vielschichtigkeit in komfortablen eineinhalb Stunden lesen. Diese eineinhalb Stunden werden nie verschwendete Zeit sein. Sie werden nachwirken.

Christiane Geldmacher

Alice Munro: Zu viel Glück (Too much happiness, 2009). Erzählungen. Deutsch von Heidi Zerning. Frankfurt am Main: Fischer Verlage, 2011. 366 Seiten. 19,95 Euro.

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Cynthia Webb: Die Farbe der Leere

(Diese Rezension erschien zuerst am 15. Oktober 2011 in CrimeMag)

Endliche Ressourcen

„Unter den Bergen von Akten und Anträgen war unmöglich zu erkennen, wo ein Schreibtisch endete und der andere begann.“

Unsere Gesellschaft delegiert Probleme mit schwierigen, prekär aufwachsenden Jugendlichen gern an den Staat: an Fallbetreuer, Sozialarbeiter, Lehrer. Doch selbst die Besten unter ihnen scheitern, weil die Ressourcen endlich sind. Von ihnen handelt der kenntnisreiche, psychologisch engmaschige  Kriminalroman „Die Farbe der Leere“ von Cynthia Webb. Von Christiane Geldmacher.

Katherine McDonald ist Behördenanwältin bei der Administration for Children’s Services ACS, der New Yorker Jugendschutzbehörde. Sobald in Familien ein Verdacht auf Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung von Kindern oder Jugendlichen entsteht, ordnet sie Pflegschaften oder Heimunterbringung an. Immer wieder jedoch rutschen Kinder und Jugendliche unter ihrer Aufmerksamkeit durch. Besonders die, die sich unauffällig verhalten.

In der Bronx wird die verstümmelte Leiche eines Jungen gefunden. Die beiden Ermittlungsbeamten Stephen Russo und Patricia Malone wünschten, sie könnten behaupten, noch nie eine solche Leiche gesehen zu haben; tatsächlich ist es ist erst vier Wochen her, dass sie vor einem Jungen standen, der genau nach dem gleichen Muster – erst vergewaltigt, dann verstümmelt – umgebracht worden war.

Jugendliche hängen von der Tagesform ihrer Betreuer ab

Die Ermittlungen Russos und Malones stagnieren. Nach ein paar Wochen wird ein dritter Junge, Jonathan Thomson, aufgefunden. Die Staatsanwaltschaft nimmt Kontakt mit der Behördenanwältin Katherine McDonald auf, die für Jonathan zuständig war. Es stellt sich heraus, dass Katherine den Jungen monatelang nicht gesehen hat. Ein paar Besuche sind ausgefallen, dringendere Fälle waren in ihr Blickfeld gerückt und Jonathan tauchte ab. Katherine fühlt sich schuldig, ihrer Vorgesetzten erklärt sie: „Sieh mal, ich hab mich seiner angenommen, wie man sich einem Projekt verpflichtet oder so, und dann habe ich ihn hängenlassen. Das hätte ich nicht tun sollen. Ich war wütend auf ihn, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, und er wusste, dass ich von ihm enttäuscht war. Ich hab ihn fallenlassen.“

Cynthia Webbs Verdienst ist es, diese Schuld weder zu beschönigen noch wegzudiskutieren. So ist es eben: Wie gut die Jugendlichen betreut werden, hängt von der Tagesform der Verantwortlichen ab. Die ist mal besser, mal schlechter. Im Augenblick schlechter. Katherine hat sich von ihrem Mann getrennt und sitzt schon seit Wochen ohne Plan in einer neuen Wohnung auf Umzugskisten.

Ein Junge aus der Nachbarschaft versucht, der den Gay-Pride-Sticker an ihrem Auto entdeckt hat, versucht, sich ihr anzuschließen. Er weiß nicht, wie er seinen konservativen Eltern seine Homosexualität beibringen soll. Es ist einer dieser ironischen Momente des Buchs: Katherine hat das Auto Second hand gekauft – sie wird später mit dem Staatsanwalt Dan Mendrinos im Bett landen.

Viele wahre Momente

Auch bei Brian, dem Jungen aus der Nachbarschaft, wird Katherine scheitern. Quasi noch während sie sich über das Scheitern bei Jonathan in Grund und Boden ärgert. Sie gibt ihm oberflächliche Antworten, sie schickt ihn weg. Und es zählt zu den Stärken dieses Buchs, dass diese Sache nicht gut ausgehen wird.

Andere auch nicht. Katherine gelingt es am Ende, nur einen dieser Jungen zu retten, die der Täter auf seiner Liste hat. Andere würden vielleicht sagen: Immerhin einer. Je nach Tagesform eben.

Gelungen sind vor allem die vielen „wahren Momente“ des Buchs: Zum Beispiel die Schilderung des Ermittlers Stephen Russo, der einen Adrenalinkick bekommt, wenn er eine neue Leiche hat, egal welche. Seine Frau Rosemarie, die erleichtert ist, dass die jugendlichen Opfer Schwarze und Latinos sind, ihr Sohn also nicht ins Beuteschema passt. Die Fallbetreuerin, die sich damit zufrieden gibt, bei einem Besuch die Handschellen zu beschlagnahmen, mit denen Eltern ihr Kind an die Heizung fesseln. Der Witz der ASC-Kolleginnen darüber untereinander: „Das nächste Mal trifft sie auf ein Kind mit Zigarettenverbrennungen und beschlagnahmt die Kippen.“

Perspektivisch interessant und facettenreich erzählt – auch der Täter kommt noch zu Wort – ist „Die Farbe der Leere“ ein Buch mit echten Gefühlen. Keinen angelesenen, keine dem Plot geschuldeten. Cynthia Webb war selbst ASC-Anwältin, heute ist sie Staatsanwältin. Sie weiß, wovon sie redet. Sie hat  darüber nachgedacht. Mit dem aufreizend alltäglichen Schluss lässt sie keinen Zweifel daran, dass das Scheitern ihrer Protagonistin unser aller Scheitern ist. Einer der wichtigsten Krimis dieses Jahres!

Christiane Geldmacher

Cynthia Webb: Die Farbe der Leere (The colour of emptiness, April 2004). Deutsch von B. Szelinski & Else Laudan. Hamburg: Argument Verlag 2011 (Ariadne Krimi 1187). 12,90 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

Zur Administration for Children’s Services

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Power up! Female Pop Art

(Diese Rezension erschien zuerst am 25. November 2011 im CulturMag)

Guerillakämpferinnen und Terroristinnen der Kunst

– Pop Art wird gewöhnlich mit Stilikonen wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Robert Rauschenberg assoziiert. Männlichen Künstlern. Pop-Art-Ausstellungen zeigen jedoch selten die Werke etwa von Evelyne Axell, Sister Corita oder Dorothy Iannone.

Anfang des Jahres wurden Pop-Art-Künstlerinnen eigens in einer Ausstellung in der Kunsthalle Wien gezeigt, deren Katalog nun im DuMont Buchverlag erschienen ist. Ein Must-have, denn wie sagte schon Dorothy Iannone? „The next great Moment in History is ours.“ Dieser Moment – er dauert immer noch an. Von Christiane Geldmacher

 

 

 

 

Guerillakämpferin mit Pinsel

Sister Corita (1918–1986) hatte ein ungewöhnliches Leben. Geboren 1918 in Fort Dodge, Iowa, zog ihre Familie nach L. A. Corita trat dem Orden „Immaculate Heart of Mary“ bei und legte einen Masters Degree in Kunstgeschichte ab. In ihrer Arbeit konzentrierte sie sich auf Grafik und Typografie. Sie bearbeitete Texte von Gertrude Stein und Albert Camus, ihre Kunstklassen galten als Events. Als Gastredner lud sie Charles und Ray Eames, John Cage und Alfred Hitchcock ein. Die Erzdiözese stufte ihre Arbeit als „gefährlich“ ein; der Kardinal beschuldigte sie, eine Guerillakämpferin mit Pinsel zu sein. 1969 verließ Sister Corita den Orden, ging nach Boston und verschrieb sich kompromisslos ihrer Kunst.

 

Menschliche Körper in ihre Einzelteile

Puppen, Roboter, Autos, Raketen, Bomben, Puppen, Kinderspielzeug, Haushaltsgeräte, Close-Ups von Vaginen, Schwänzen, koitierenden Paaren, menschliche Körper in ihre Einzelteile zerlegt: Wir betrachten die Arbeiten von Dorothy Iannone (*1933), deren zentrales Thema – noch immer – die sexuelle Befreiung der Frau als heilende Kraft des Universums ist. Iannone, eine gebürtige US-Amerikanerin, die später den Schweizer Künstler Dieter Roth heiratete und nach Berlin zog, ist beeinflusst von vielen Reisen nach Indien, Kambodscha, Japan. Sie malte große Körper, riesige Sexualorgane, tantrische Götter, indische Tempelmalerei, japanische Kalligrafie, ägyptische Reliefs, psychedelische Poster. Internationales Aufsehen errang sie, als sie in den USA gegen die Indizierung der Werke von Henry Miller vor Gericht zog und gewann. Eine Weile schloss sie sich der Fluxusbewegung an. Berühmt wurde sie für den Satz: „I am she who is not Fluxus.“

Weibliches Popuniversum

Die Belgierin Evelyne Axell (1935–1972) startete ihre Karriere als Schauspielerin, wechselte aber bald zur Bildenden Kunst. Sie schuf ein weibliches Popuniversum; ihre Themen waren Revolution, Frauenemanzipation, weibliche Freiheitskämpfer. Axells selbstbewusste Heldinnen posieren in provokativer und erotischer Pose in leuchtenden Farben. Ihr Lieblingsmaterial war Plexiglas, aus dem sie mit einer Elektrosäge die Formen ausschnitt und sie mit heller leuchtender Emaille bemalte. 1969 wandte sie sich Performances zu. Mit der Frau eines Sammlers legte sie einen „umgekehrten Striptease“ hin: Sie kleidete die Nackte genussvoll und langsam an. Sie trug dabei einen Astronautenhelm als eine Hommage an die erste weibliche Kosmonautin im All, die Russin Valentina Tereshkova.

Terroristin der Kunst

Die bekannteste Künstlerin des Bandes ist Niki de Saint Phalle (1930–2002), geboren in Paris, aufgewachsen in den USA, eingebürgert in die Schweiz durch ihre Heirat mit Jean Tinguely. 1956 schuf sie ihre „Schießbilder“: Gipsbilder mit eingearbeiteten Farbbeuteln, auf die sie während ihrer Vernissagen feuerte. Ab 1964 entstanden ihre berühmten aus Polyester gefertigten Nanafiguren, die sie mit bunten Farben bemalte. „Hon“ (Schwedisch für „Frau“) ist eine 29 Meter lange Skulptur, die durch die Vagina betreten wurde und in deren Inneren sich eine Bar und ein Kino befanden. 2002 starb Niki de Saint Phalle an den Spätfolgen der giftigen Dämpfe, die bei der Herstellung ihrer Figuren entstanden waren. Sie präsentierte sich als Terroristin der Kunst. Martin Walkner vergleicht sie in seinem Essay mit Emma Peel von den „Avengers“ oder Roger Vadims „Barbarella“. 1962 entstand King Kong, eine Serie von fünf Wooden Panels, die sich in ihrer Formensprache an den Comic anlehnen.

Andere Künstlerinnen, die in dem Band vorgestellt werden, sind Christa Dichgans (*1940), Rosalyn Drexler (*1926), Jann Haworth (*1942), Kiki Kogelnik (1935–1997) und Marisol (*1930). Der Katalog versammelt die Exponate der Ausstellung, eine kluge Einführung des Direktors der Kunsthalle Wien Gerald Matt und interessante Essays zu den einzelnen Künstlerinnen von Belinda Grace Gardner, Anke Kempkes, Thomas Mießgang, Kalliopi Minioudaki, Mark Rappolt, Aaron Rose, Sid Dachs, Angela Stief und Martin Walkner. Außerdem gibt es viele aufschlussreiche O-Töne:

„I wanted the world, and the world belonged to MEN. I wanted the outside to belong to me. I learned at a very early age that. MEN HAD POWER AND THAT IS WHAT I WANTED.” Very sixties? We don´t think so!

Von Francis Bacon ist bekannt, dass er Reproduktionen anderer Künstler aus Büchern riss, wenn sie ihm gefielen. Die Rezensentin gesteht, dass sie es Bacon nachgemacht hat. An ihren Wänden befinden sich jetzt Reproduktionen von Sister Corita, Evelyne Axell und Niki de Saint Phalle.

POWER UP!

Christiane Geldmacher

Angela Stief, Gerald Matt, Kunsthalle Wien (Hg.): Power Up. Female Pop Art. Köln: DuMont Buchverlag 2011. Katalog mit ca. 200 farbigen Abbildungen. 288 Seiten. 29,99 Euro. Eine Leseprobe (PDF) mit weiteren Abbildungen finden Sie hier.

Bildnachweise:

Ausstellungsansicht/exhibition view Kunsthalle Wien “POWER UP. Female Pop Art”, 2010 © Kunsthalle Wien, Foto/photo: Stephan Wyckoff

Sister Corita, Come Alive, 1967, Courtesy Kalfayan Galleries, Athens-Thessaloniki, Abdruck mit Genehmigung des/reprinted with permission from the Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles

Dorothy Iannone, aus/from: The Story of Bern (or) Showing Colors, 1970, Courtesy Dorothy Iannone, Berlin © Dorothy Iannone

Evelyne Axell, Ice Cream, 1964, Courtesy Serge Goisse, Belgium © Estate of Evelyne Axell und/and VBK, Wien, 2010, Foto/photo: Paul Louis

Niki de Saint Phalle aiming; Film-Still aus Daddy, 1972 © 2010 NIKI CHARITABLE ART FOUNDATION, All rights reserved und/and VBK, Wien, 2010

Ausstellungsansicht/exhibition view Kunsthalle Wien “POWER UP. Female Pop Art”, 2010 © Kunsthalle Wien, Foto/photo: Stephan Wyckoff

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Stpehen Fry: Darling, fesselst du schon mal die Kinder?

(Diese Rezension erschien zuerst am 6. Juni 2012 im LitMag)

Geniales Biest

Was haben Stephen Fry und Franz Kafka gemeinsam? Erstens: Sie sind beide Genies. Zweitens: Sie können beide keine Romane schreiben. Was ihrer Beliebtheit bei uns keinen Abbruch tut. Für eine kleine Literatur!, könnte man ihnen mit Gilles Deleuze und Félix Guattari zurufen – in Stephen Frys Fall hieße das: Ein Hoch auf sein Blog. Auf sein Twitter. Und auf das seiner Frau. Denn hier ist Fry das, was er am besten kann: ein Nomade, ein Zigeuner, ein Marodeur. Wie ein Vampir saugt er uns in seine Sprache und in seine Aufmerksamkeit hinein. Er macht kollektive Zustände sichtbar, die auch die unseren sind. Von Christiane Geldmacher.

Wir alle lieben Stephen Fry. Unsere tägliche Dosis des rührigen Engländers können wir uns von seinem Twitter holen. Dort findet er, sprachlich brillant, die richtige Mischung aus Kommentaren, Witzchenenreißen, Aufregern und Eigenbewerbung. Der Mann ist der geborene Kommunikator. Selbst wenn er mal daneben liegt, macht das nichts. Denn plusminus erfahren wir immer, warum.

Und wir erinnern uns auch sehr gern an seine Fernsehauftritte: mit Rowan Atkinson in Black Adder oder mit Hugh Laurie in A bit of Fry & Laurie und Jeeves & Wooster. Wieder ist es die kleine Form, mit der er uns unterhält, die Sketche. Hier ist Fry wunderbar. Überhaupt ist er wunderbar:  Als Schauspieler, Regisseur, Comedian, Fernsehmoderator, you name it.

Zu viel gewollt

Nicht ganz so wunderbar sind seine Romane. Sie gehen oft schief in einer Mischung aus zu viel gewollt und zu zerfasert. Wir denken an Der Lügner, an Das Nilpferd oder an Der Sterne Tennisbälle: Etwa zwei Drittel der Bücher sind gut und amüsant, dann dreht Fry ab. Man überfliegt den Rest, um zu sehen, ob er nochmal die Kurve kriegt. Meistens kriegt er sie nicht.

„Das heimliche Tagebuch der Edna Fry“ ist auch kritisch. Dabei ist die Idee gut: Stephen Fry schlüpft in die Rolle seiner „Ehefrau“ Edna Fry und reflektiert Stephen Fry. Das ist hübsch  selbstironisch, dauerironisch, ein bisschen zu eitel. Mit ein bisschen zu viel Esprit. Ein bisschen zu vielen Pointen. Und ein bisschen zu sehr gemascht.

Denn „Ednas“ Einträge folgen immer dem gleichen Muster. Erst kommt ein Alltagsgeschehniss, dann der Gag. Alltagsgeschehnis/Gag, Alltagsgeschehnis/Gag, Alltagsgeschehnis/Gag. Das verbraucht sich. Es ermüdet. (Und man stelle sich das einmal vor: Fry, ermüdend!)

Das klingt zum Beispiel so:

2. Februar, Mittwoch. Heute Morgen klingelte die Wohlfahrt, aber ich hab´sie nicht ins Haus gelassen. Letztes Mal wollten sie uns die Kinder zurückgeben.

Oder so:

4. Februar, Freitag. Sind heute Nachmittag ins Gartencenter gefahren. Gekauft haben wir nichts. Wir tun nur so gern so, als hätten wir einen Garten.

Oder so:

6. Februar, Sonntag. Bin heute Morgen vom Klang der Kirchenglocken erwacht. Muss den Kindern noch sagen, wir sollen sie zurück bringen, bevor der Pfarrer was merkt.

Klar? Die witzige Auflösung kommt immer im letzten Satz. Das gilt auch für die längeren Einträge. Im Grunde hat der Leser nur die Möglichkeit, das Buch nicht chronologisch zu lesen, sondern häppchenweise quer.  Nicht an einem Stück, nicht an einem Tag. Obwohl, ganz ehrlich, für den häppchenweisen Fry wird man auf seinem Twitter besser bedient. Oder auf dem seiner Frau.

Versuchen wir es also mit häppchenweisem Querlesen:

2. September, Freitag. Stephen ist doch ein Mann wie aus dem Bilderbuch. Jetzt hat er den Spielplan der Fußballliga an die Schlafzimmerdecke geklebt. Vom Spiegel ist kaum noch was zu sehen.

Hoppla! Wieder eine Pointe, ein Kalauer – und so frivol!

Es muss nicht immer ein Buch sein

Ach ja – vielleicht lesen wir für die Kurzform doch lieber die Twitter oder das Blog von Stephen Fry, dem Vampir. Denn nirgendwo sonst können wir so schön mit ihm zusammen beobachten, würdigen, aufschreien. Ja – ein Hoch auf Frys Twitter und Blog: auf Plattformen, die er, um in der Sprache von Deleuze und Guattari zu bleiben, als literarische Maschinen nutzt. Fry ist dort, jederzeit, in Echtzeit, gegenwärtig; flüchtig sind seine Einträge, dem Augenblick geschuldet, flüchtig auch seine Kommunikation, mit seinen Lesern, mit seinen Freunden. Die Grenzen zwischen Innen und Außen verschieben sich; auch die zwischen Autor und Autor und Autor und Leser. Es geht nicht mehr um Präsentation, sondern um Produktion, Aufzeichnung, Fry fängt ein und er trägt davon. Subversiv, hinter- und untergründig.

Denn das haben nicht nur er und Kafka gemeinsam: die immerwährende, unausgesetzte Leidenschaft fürs Schreiben, ob sie sich im Roman, in der Erzählung, in Briefen, in Tagebüchern, auf Blogs oder auf Twitter äußert. Gerne auch pausenlos.

Christiane Geldmacher

Stephen Fry: Darling, fesselst du schon mal die Kinder? Das heimliche Tagebuch der Edna Fry (Mrs. Fry’s Diary, 2010). Roman. Deutsch von Ulrike Blumenbach. Berlin: Aufbau Verlag 2012. 248 Seiten. 16,99 Euro.

Zur Verlagshomepage, zur Homepage von Stephen Fry.
Zum Twitter von Stephen Fry, zum Twitter von Mrs. Stephen Fry.

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Austin Wright: Tony & Susan

(Diese Rezension erschien zuerst am 2. Juni 2012 im CrimeMag)

Wir sind, was wir sind. Nicht, was wir nicht sind.

Zwei Bücher in einem – Austin Wright hat ein Buch geschrieben über einen Autor, der ein Buch geschrieben hat. Und es seiner Exfrau zur Kenntnis schickt. Diese beiden Bücher sind von Wright brillant ineinander verschraubt und nicht nur mitreißender suspense, sondern auch eine wirklich verstörende Geschichte. Ruth Rendell sagte über „Tony & Susan“, dass sie diesen Roman nie vergessen werde. Christiane Geldmacher auch nicht.

Man liest so was ja dauernd in der Zeitung. Oder sieht es in Fernsehsendungen wie „Brisant“. Eine kleine Familie, nur drei Leute, macht sich auf den Weg in die Ferien. Sie beschließen, die Nacht durchzufahren, sind ausgelassen und freuen sich. Dass der Vater einen Tramper am Straßenrand stehen lässt, führt kurzfristig zu Diskussionen. Dann passiert Furchtbares. Ein Albtraum, den man so dezidiert, so glaubhaft selten gelesen hat: Drei Männer nehmen von ihrem Auto aus eine Familie aufs Korn. Sie bedrängen den Wagen, fahren zu dicht auf. Lassen ihn nicht überholen, bremsen ihn aus. Wer einmal den Film „Duell“ von Steven Spielberg gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist. Horror pur – ein Horror, der nur übel ausgehen kann.

Die Familie versucht, die drei Männer – Ray, Lou und Turk – loszuwerden. Doch der Vater bleibt zu defensiv, die Mutter zu diplomatisch, die Tochter zu rebellisch. Mit diesen Typen ist offensichtlich nicht zu spaßen. Der Vater wird von Mutter und Tochter getrennt, die beiden werden verschleppt und umgebracht. Das Letzte, was der Vater von Frau und Tochter sieht, sind ihre verängstigten Gesichter auf dem Rücksitz des fremden Wagens.

Auch der Vater wird verschleppt und in der Wildnis aus dem Wagen geworfen. Nach einer langen, konfusen Wanderung durch unbekanntes Niemandsland findet er Unterschlupf in einem Farmhaus und verständigt von dort aus die Polizei. Was man eben so die Polizei nennt. Später wird er noch ein Haufen Probleme mit einem von ihnen bekommen. Die Leichen seiner Frau und seiner Tochter werden noch am gleichen Tag gefunden

Buch im Buch

Wie er damit fertig wird und mit seinen Schuldgefühlen, weil er glaubt, Frau und Tochter nicht mutig genug geholfen zu haben, davon handelt der Roman von Edward Sheffield. Seine Exfrau  Susan Morrow liest und kommentiert ihn, kapitelweise, mit kritischem Blick. Tatsächlich ist sie überrascht, dass es so gut ist. Das Buch ist spannend, voller interessanter Gedankengänge, unerwarteter Wendungen. Früher war Edward eher der Lyrikfraktion zuzurechnen. Doch wie will er jetzt den Spannungsabfall vermeiden? Ist diese Stelle nicht unglaubwürdig? Jene nicht zu voyeuristisch? Und das da: nur ein billiger Effekt? Sie blättert im Buch vor und zurück und bereitet uns darauf vor, was noch kommen wird. Und sie hinterfragt den Plot: „Randnotiz für Edward: Du weißt, wie man Zeit schindet.“ Es ist ein Diskurs über eine Leserin, die einen Diskurs über einen Autor führt, der die Geschichte eines Mordes und seiner Folgen erzählt hat.

Zwei gescheiterte Ehen

Susan lernte Edward schon als Kind kennen. Ihre Eltern nahmen ihn bei sich auf, als sein Vater starb. Zu Anfang mochten sich die beiden Teenager nicht, erst später, während des Studiums, lernten sie einander kennen und lieben. Die Eltern fanden es ein perfect match. Doch die Ehe verlief anders, als Susan es sich erhoffte. Edward lässt sich für sein Schreiben von Susan aushalten. Was kein Problem wäre, wenn er es beherrschte. Aber alles, was er schreibt, taugt nichts. Schwammige Schilderungen, Bekenntnisgedichte, nostalgische Skizzen, Susan hasst das Zeug. Sie wird passiv aggressiv.

Dankbar folgt sie dem Werben eines erfolgreichen Arztes Arnold. Doch Susan gerät vom Regen in die Traufe. Hat es sie bisher aufgeregt, dass sie Edward durchgefüttert hat, so regt es sie jetzt auf, dass sie Arnolds drei Kinder großzieht. Und dass der eine Geliebte hat. Nein – Susan hat es nicht leicht im Leben, ihre Beziehungen verlaufen nach dem Muster trial and error. Eher error. Zurückdenkend betrachtet sie ihre beiden Ehen als gescheitert, beide Männer hatten nie ein echtes Interesse an ihr.

Haben wir, die Leser, deswegen Mitleid mit ihr? Nicht wirklich. Es gibt keinen äußeren Zwang, der sie dieses Leben führen lässt (eine ähnliche Thematik findet sich auch in Louise Aldrichs „Schattenfangen“). Susan wiederholt die Fehler ihrer Beziehung mit Edward in der Beziehung mit Arnold. Sie lebt nur für ihren Mann. Im Grunde sitzen wir mit lauter unsympathischen Leuten da. Mit Susan, Edward, Arnold – und Tony. Tony ist der aus dem Roman, der seine Familie verloren hat. Bei dem der lokale Fernsehsender nach Bekanntwerden der grausamen Tat vorbeikommt. Ist Tony für die Todesstrafe – nach dem, was mit seiner Familie passiert ist? Wright macht die Obszönität dieser Fragen sichtbar. So, wie er es macht, schüttelt es einen.

Austin Wright erweist sich als ein boshafter Chronist dessen, was wir täglich ertragen. So sieht Wright die Welt. So sieht er die Menschen. Selbstverliebt, egoistisch, ängstlich, feige. Verschiedene Arten von Feigheit: Feigheit in einer Situation äußerster Bedrohung (Tony) und Feigheit in einer Situation ohne Bedrohung (Susan). Die Menschen in diesem Buch sind kleinkariert, pedantisch, besserwisserisch, ausbeuterisch, steif. Sie haben nervöse Ticks, machen Mündchen, schleppen furchtbare Mitbringsel aus dem Urlaub an. Und man spürt Wrights Verzweiflung, dass es diese Menschen gibt. Man empfindet sie selbst.

Bleibt die Frage, wie ein Verlag wie Luchterhand dazu kommt, dieses Buch neu aufzulegen. Sein Verfasser ist nicht sehr bekannt, es gibt keinen deutschen Wikipedia-Eintrag, der amerikanische lässt zu wünschen übrig (Austin Wright/1922 in New York geboren/Schriftsteller/Literaturwissenschaftler/starb 2003 im Alter von achtzig Jahren).

Die Antwort: Es ist ein gutes Buch. Mehr noch: Das Buch ist ergreifend. Es zeigt Horror nicht nur, es löst ihn aus. Man kann sich schlicht nicht mit der Dummheit abfinden, daran scheitert Susan zunächst. Doch dann zeichnet sich eine Wende ab: „Und so probiert sie im Stillen ein neues Wort aus, das Wort Hass. Es zu benutzen, wagt sie nicht, aus Scheu vor dem wilden Revoluzzerleben, zu dem es sie verdammen könnte. Wäre sie dafür stark genug?“

Einziges Problem: Das Cover

Einzig das Cover in seiner Beliebigkeit und Austauschbarkeit ist ein Ärgernis, eine klischeehafte 0/8/15-Anbiederung an das Thema „Crime“. Was soll das sein – Bäume an einem Fluss? Wie heißen eigentlich die Foto-CDs, bei denen man sich da bedienen kann? Mir fallen auf Anhieb fünf   Motive ein, die besser zu dem Buch passen würden: eine Autobahn, drei miese Typen, ein Schild ins Nichts, eine verwaiste Tankstelle oder meinetwegen irgendeine Lösung mit “Buch-imBuch”. Man fragt sich immer wieder, wie so etwas passieren kann. Und warum das so sein muss.

Christiane Geldmacher

Austin Wright: Tony & Susan (Tony and Susan, 1998). Roman. Deutsch von Sabine Roth. 416 Seiten. Luchterhand Literaturverlag. 19,99 Euro. Verlagsseite mit Leseprobe.

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Adolfo Kaminsky: Ein Fälscherleben

(Diese Rezension erschien zuerst am 14. April 2012 im CrimeMag)

Eine irre Idee

 Biografien, die gut geschrieben sind und keinem enzyklopädischen Anspruch folgen, sind ein herausragender Lesestoff.  Sie verdichten ein Leben auf seine Höhepunkte. Noch besser ist es, wenn mit dieser Biografie eine Geschichte erzählt wird. So wie Sarah Kaminsky die  Geschichte ihres Vaters erzählt: eines Fälschers, der sein Leben lang illegal und im Untergrund arbeitete. „Am Tag Fotograf, nachts Fälscher, das Firmenkonto immer im Minus – ich musste wie ein Wahnsinniger schuften, um über die Runden zu kommen“, sagt Adolfo Kaminsky, der heute im Ruhestand in Frankreich lebt. Von Christiane Geldmacher.

Was ein Leben – Adolfo Kaminskys Fälscherleben. Geboren wurde er 1925 in Argentinien, seine Familie wanderte 1932 nach Frankreich aus. Die Familie wohnte in Vire im Département Calvados. 1941 wurde Adolfos Mutter von den Nazis umgebracht; auf Vermittlung des argentinischen Konsuls überlebten der Vater und seine beiden Söhne.

Als Jugendlicher schloss er sich der Resistance an und fälschte Papiere für jüdische Flüchtlinge: Personalausweise, Reisepässe, Führerscheine. Aber auch nach dem Krieg machte er weiter. Jetzt waren es Papiere für jüdische KZ-Überlebende, die die Briten nicht nach Palästina einwandern lassen wollten. Kaminsky hatte eigentlich selbst vor, nach Palästina gehen, doch ihm gefiel die israelische Politik nicht – dieser Staat war ihm zu religiös orientiert. Er blieb  in Frankreich.

Kaminsky wurde berühmt mit seiner Arbeit im Untergrund. Er unterhielt das bekannteste Fälscherlabor Nordfrankreichs. Dauernd sprachen ihn die Leute auf ihre Situation hin an. Auch der französische Geheimdienst nahm Kontakt auf. Kaminsky fälschte Papiere für ihn. Doch dann sagte er sich vom Geheimdienst wieder los, weil er den Indochinakrieg als Kolonialkrieg empfand und nicht daran teilnehmen wollte.

Er arbeitete lieber für die Nationale Freiheitsfront Algeriens. 1962 druckte er in Belgien einen Kubikmeter falscher 100-Franc-Noten, um die französische Währung zu destabilisieren, damit sie den Krieg in Algerien nicht weiter finanzieren konnte. Bevor dieses Falschgeld jedoch unter die Leute gebracht wurde, gab es im März 1962 einen Waffenstillstand. Kaminsky brauchte neun Monate, um die Banknoten wieder loszuwerden. Er verbrannte sie im Garten. Benutzt hat er sie nie.

Der Mann unterstützte Widerstandskämpfer und Flüchtlinge in der ganzen Welt. In Europa, Afrika, Lateinamerika. Seine letzten Papiere fälschte er 1971. Daraufhin lebte er zehn Jahre in Algier und heiratete eine Touareg, mit der er fünf Kinder hatte. 1982 kehrte er nach Frankreich zurück. Man zeichnete ihn mit dem Croix du Combattant aus.

Seine Tochter Sarah schrieb die Biografie ihres Vaters. Sie erzählt dieses Leben, sein mutiges, kämpferisches, schreckliches. Sie hat ihren Vater interviewt und dann das Interview transkribiert – was das Einzige ist, das störend wirkt. Denn die packenden Geschichten werden immer wieder unterbrochen durch plötzliche Du-Ansprachen, die den Leser von Adolfo Kaminsky wegführen – ohne dass dabei ein lebendiger Dialog mit seiner Tochter herauskäme. Das klingt dann so: „Du siehst, ich habe mich anfangs als guter Färber dafür interessiert, wie man Tintenflecken aus Kleidern rausbekommt.“ Oder: „Oh, ich sehe, du lächelst.“

Aber vielleicht hat Adolfo Kaminsky das selbst so gewollt: dass seine Tochter auch sichtbar ist in dem Text. Dann lesen wir über ein paar Eitelkeiten hinweg.

Adolfo Kaminsky wollte helfen, eine freie und gerechte Welt aufzubauen.

Eine irre Idee!

Christiane Geldmacher

P.S. Nebenbei: Das Buch lässt einen die Liebe zur Chemie besser nachvollziehen.

Sarah & Adolfo Kaminsky: Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben  (Adolfo Kaminsky, une vie de faussaire, 2009). Biografie. Deutsch von Barbara Heber-Schärer. München: Verlag Antje Kunstmann 2011. 224 Seiten. 19,90 Euro.Verlagswebseite zum Buch. Auf den Vattenfall-Lesetagen kann man am 22. April 2012 die einzige Lesung von Adolfo Kaminsky und seiner Tochter Sarah besuchen.

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Michael Peppiatt: Gespräche in der Nacht mit Francis Bacon

(Diese Rezension erschien zuerst am 25. Januar 2012 im CulturMag)

„Mein ganzes Leben fließt in meine Arbeit“

 Es gibt ein Bild von Vincent van Gogh, auf dem der Maler bei glühender Sonne mit der Staffelei in die provenzalische Landschaft hinauszieht. Das Bild „Der Maler auf der Straße nach Tarascon“ stammt aus dem Jahr 1888.  Francis Bacon liebte es und ließ sich davon zu einer Serie eigener Arbeiten inspirieren. Das erste Bild der Serie zeigt, wie der Maler in der Nacht zurückkehrt. Auf dem Hut sind die Farben van Goghs aufgenommen, der Rest ist dunkel bis schwarz. Allein diese Bilderserie und der Essay über Francis Bacon und Vincent van Gogh lohnen schon die Anschaffung des Buches „Gespräche in der Nacht. Francis Bacon über seine Arbeit“.

Von Christiane Geldmacher.

Das Gemälde van Goghs gibt es übrigens nur noch als Reproduktion; es ist während des Kriegs in Magdeburg verbrannt. Francis Bacon liebte Reproduktionen, er schätzte sie mehr als die musealen, unzugänglichen Originale. Er riss sie aus Büchern und Zeitschriften heraus und bedeckte damit den Boden seiner Ateliers.

Bacon war so eine Art Kunstmessie. Es sind nicht zuletzt diese Atelierfotos, die den Menschen Francis Bacon so greifbar machen. Das Genie, das es so und nicht anders haben wollte. Nicht ohne Stolz posiert Bacon in diesem Chaos: Seine Fotos, Pinsel, Farben, Kartons, Schuhe, Zeitungen, Spraydosen – alles liegt durch- und übereinander. Gut geschildert von Michael Peppiatt, dem Autor des Buches: „Bacons Atelier, in dem seine Salatschüsseln mit Farbe und die Bilder mit Salatsoße verspritzt sein konnten.“

Gut geschildert ist der Schlüssel zu diesem Buch. Peppiatt bemerkt jede Nuance. In den „Gesprächen der Nacht“ geht es um Inspiration und Methodik, Kunst und Künstler. Dabei sind Peppiatts frei geschriebene Texte besser als die Originalinterviews mit Bacon. Bacon redete zwar gern, aber nicht in Interviews. Er gab sperrige Antworten, verkrampfte. Ein Beispiel: Michael Peppiatt stellt als Intervieweröffnung Bacon die Frage: „Vor kurzem haben Sie mir erzählt, dass Sie im Science Museum waren und sich wissenschaftliche Bilder angesehen haben.“ Er kassiert die Antwort: „Ja, aber das ist nicht von Interesse.“

Immer kurz vor der Offenbarung

Im freien Gespräch redete Bacon  immer so, als stünde er kurz vor einer Offenbarung. Diese Offenbarungen versteht Peppiatt wunderbar wiederzugeben. Die druckreifen Aphorismen Bacons zu notieren, war für ihn nicht schwer, erklärt er, weil Bacon „seine Formulierungen üblicherweise wiederholt auf mich einzudreschen pflegte“.

Das Buch erzählt auch von dem Verhältnis Bacons zu anderen Malern. Er liebte ihre Arbeiten – das schützte sie jedoch nicht vor Kritik. Er wählte aus. Oft gefielen ihm nur bestimmte Techniken, oft nur eine Periode, manchmal nur ein einziges Bild. So sagten ihm Picassos späte Gemälde nichts, ihn interessierten nur die Werke der späten 20er- und frühen 30er-Jahre. Er schätzte Edgar Degas Pastelle mehr als seine Gemälde. Matisse konnte er bis auf wenige Ausnahmen  nicht ausstehen: „Ich hasse seine Linie total. Ich finde seine Linie kränklich.“

Das Buch „Gespräche in der Nacht“ ist überraschend und steckt voller Liebe, Respekt und Hingabe an die Person Francis Bacon. „Beiden Malern“, so beleuchtet Peppiatt das Verhältnis zwischen Francis Bacon und Vincent van Gogh, „war nichts wichtiger, aber auch nichts durch Kunst schwerer zu erreichen, als die Wiedererschaffung eines intensiv gelebten Lebens.“

Michael Peppiatt lässt uns in dem Buch Francis Bacon sein „Lebt radikal!“ zurufen. Und da haben wir alle ja immer wieder Spiel nach oben.

Ob mit Kunst oder ohne.

Christiane Geldmacher

Michael Peppiatt: Gespräche in der Nacht. Francis Bacon über seine Arbeit.  Deutsch von Kay Heymer. Wien: Piet Meyer Verlag 2011. 122 Seiten. 28,40 Euro.

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BBC-Miniserie Luther

(Diese Rezension erschien zuerst am 25. Februar 2012 im CrimeMag)

Moaning and groaning

(Luther’s Lament I:) Idris Elba ist ausgezeichnet worden mit dem Golden Globe 2012 für den besten Schauspieler in einer Miniserie – zu Recht. Diese Miniserie heißt „Luther“ – und ist tatsächlich ziemlich mini. Das sollten die wissen, die sich die DVD leisten wollen. Die erste Staffel hat sechs Folgen, die zweite nur vier. Die Anschaffung lohnt sich für alle, die diese Serie ungekürzt und inklusive aller Vor- und Abspänne sehen wollen. Denn im ZDF schneiden sie lieblos jeweils zwei Fälle aneinander, obwohl die Musik des Abspanns so etwas wie einen Kommentar zu der eben gesehenen Folge abliefert. Von Christiane Geldmacher

Eine Tankstelle an einer Ausfallstraße Londons. Drei Leute reihen sich an der Kasse auf, der Kassierer fragt, ob der Erste nicht noch ein Spezialangebot haben will. Die knappe Antwort: „Just the petrol.“ Das ist jedem vertraut: Man will nur das Benzin bezahlen, wird aber erst nach der Kundenkarte gefragt, dann nach der ADAC-Karte und schließlich soll man 10 Kaiserbrötchen dazunehmen. Die anderen Kunden blicken unterdessen nach draußen. Da verhält sich einer merkwürdig. Er läuft mit Baseballschläger um die Autos herum. Besprüht sie. Drischt schließlich auf sie ein. Der Kassierer ruft die Polizei und schließt schnell die Tür ab.

Das ist eine der stärksten Szenen der beiden ersten Staffeln von Luther. Weil sie unspektakulär ist. Und von psychologisch genauer Beobachtung zeugt. Die Folge ist eine Studie darüber, wie bedrohlich das Unberechenbare ist. Wir reagieren sofort darauf. Etwas stimmt nicht. Jemand benimmt sich komisch, wir nehmen Abstand. Wir wechseln die Straßenseite, wir hauen erst mal ab.

Diese Studie über die Unberechenbarkeit wird in dieser Folge (es ist die insgesamt neunte) konsequent weitergeführt. Der gleiche Mann betritt einen kleinen Supermarkt und klaut mit provozierendem Blick zum konsternierten Besitzer Sachen aus dem Regal. Er wirft auch Cola- und Limoflaschen auf den Boden. Der Besitzer sieht fassungslos zu, unternimmt aber nichts. Die Provokation ist irritierender als die offene Gewalt.

Schließlich fährt der Mann als Funkkurier durch London. Er hält an und lässt das Motorrad fallen. Die Leute bleiben stehen und schauen ihm hinterher. Einer lässt  das Motorrad fallen: Hier stimmt doch was nicht.

Das sind interessante Reflexionen über das Unbehagliche und die Gefahr. Es ist Psychologie, auch Massenpsychologie: Ein einziger Durchgeknallter kann auf einer belebten Londoner Straße 50 Leute in Schockstarre versetzen, einfach indem er auf Autos einschlägt.

Zu overdone …

Tatsächlich wäre das eine spannende Variante eines Kriminalfalls gewesen: einen irren, wildgewordenen Autohasser vor sich zu haben, der ausrastet. Aber leider hält sich „Luther“ – wie die anderen Kriminalserien auch – am Fetisch Mord fest. Als ob ein Polizeipräsidium nicht mehr Dezernate hätte als nur die „Serious Crime Units“. Die sich gerne auch mal wahrgenommen fühlen würden.

„Luther“ setzt zu sehr auf Bizarrerie, auf Schockmomente, auf Serienkiller. Die Folgen funktionieren so: Aus dem Vorspann wissen wir, mit welchem Täter es John Luther zu tun bekommen wird. Innerhalb kürzester Zeit ermitteln Luther und sein Team, um wen es sich handelt (auch das ist overdone: Das zu brillante Team). Dann werden Jäger und Gejagter parallel gegeneinander geschnitten, dazwischen: viele Opfer.

Das ist das Hauptproblem der Serie: dass sie auf dieser unsäglichen Gewalt- und Blutwelle mitsurfen will. Luther jagt eine Elternmörderin, die einen Hund übertötet hat (Folge 1); Luther jagt einen Scharfschützen aus militärischem Umfeld, der nur auf Polizisten schießt (Folge 2); Luther jagt einen Serienkiller, der Mütter entführt und ihnen Blut für satanische Zwecke entnimmt (Folge 3).Held und Antiheld

DCI John Luther ist Genie, Held und Antiheld zugleich. Für alle wirft er seinen Hut in den Ring. Warum eigentlich, könnte man sich fragen. Nun: Seine Frau hat sich von ihm getrennt. Das wirft den Mann aus der Bahn. Er braucht ein Ventil. In emotionalem Aufruhr wirft er Schreibtische um und schlägt Türen ein. In diesen Szenen ist die Serie am schwächsten – Luther groaning and moaning. Keiner will so einen in seiner Umgebung haben. Das ist seine Tragik.

Idris Elba selbst übertreibt es zu sehr, da er es sich vermutlich vorgenommen hat, gegen seinen gefühllosen Drogenkönig Stringer Bell (in „The Wire“ gab er Morde in Auftrag, ohne sich dabei die Finger schmutzig zu machen) den gefühlvollen Ermittler John Luther zu setzen. Das gelingt meistens auch, er kann sogar komisch werden, aber nicht, wenn er zu viel Schmerz zeigt.

Anklänge an andere TV-Serien

Die BBC-Serie ist eine Mischung aus „Dexter“, „The Wire “ und „Prime Suspect“ (der Autor Neil Cross selbst nennt „Sherlock Holmes“ und „Columbo“). „Dexter“ steht für den Gutmenschen, der das Böse mit illegalen Mitteln zur Strecke bringen will; „The Wire“ für die Nichtbegrenzung der Fälle auf zwingend die gleiche Folge; und „Prime Suspect“ für das unnachahmliche hässlich-grünlich-englische Ermittlerambiente samt weiblichem Guv (refer to: Helen Mirren).

Hinter all diesen Serien bleibt „Luther“ aus unterschiedlichen Gründen zurück. Nicht, dass das Serienkillerthema in „Dexter“ nicht auf die Spitze getrieben wäre – das ist es. Aber „Dexter“ ist eine Serie voll schwarzem Humor, Luther nicht. Oder „The Wire“: Rasend gute Detectives gibt es darin weniger, eher solche, die nervenaufreibende Kleinarbeit leisten und Bürokratieschlachten mit dem eigenen Polizeiapparat schlagen müssen. Oder „Prime Suspect“: Die Serie leistet sich eine Ermittlerin jenseits aller Bullenklischees, die ihre Gefühle eher verdeckt, als zur Schau stellt – dies nicht zuletzt aus karrieretechnischen Gründen.

Fazit: Wie stark könnte diese Serie sein, wenn sie auf vordergründige Effekte verzichtete. Und wie stark könnte Iris Elba sein, wenn er weniger überdrehen würde. So könnte man sich eine dritte Staffel vorstellen: die Fälle runtergefahren, die Konflikte runtergefahren, die Emotionen runtergefahren.

Allerdings nicht den Thrill. Den verstehen, ganz unabhängig vom Buch, die Regisseure Brian Kirk und Sam Miller meisterhaft.

Christiane Geldmacher

Zur ZDF-Seite. Zur BBC-Seite. Idris Elba bei Facebook. Luther-Wiki. Zu Thomas Wörtches Besprechung der Buchvorlage geht es hier.

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Die beliebtesten Pressemitteilungen 3: Christian und Bettina II

Christian und Bettina (feilen an einer Pressemitteilung)
Christian (schreibt): Also es tut mir leid …
Bettina (PR-Fachfrau, dezidiert): Es tut dir NICHT leid: Du hast die Integration in diesem Land auf die Agenda gesetzt.
Christian (mault): So fing unsere letzte Pressemitteilung auch schon an.
Bettina (informiert): Das ist IMMER unser Intro.
Christian (fade): Okay … (schreibt)
Bettina (geht ihre Mails auf dem Laptop durch) (öffnet eine von Angela Merkel): Merkel schreibt, du sollst ihre Mails öffnen, sonst bringt sie dich um.
Christian: Schreib ihr, ich bringe sie ZUERST um. (schwenkt die Pressemitteilung) Wie geht’s weiter? Fangen wir damit an, dass wir verletzt sind von der Berichterstattung?
Bettina (nickt): Ja. Das kann nie schaden. Aber dann müssen wir den Bogen kriegen, dass wir an das Geld rankommen. TROTZ des Videos.
Christian (schreibt, fade): Meine Frau und ich, wir sind sehr verletzt von der Berichterstattung … ähm … und wir wollen an das Geld. (blumig) Jetzt und für immerdar.
Bettina (hat nicht zugehört): Und wir schützen damit … damit …
Christian (rät): … Deutschland …?
Bettina (schlägt ihn ungeduldig auf den Kopf): Die Kinder, Herrgott!
Christian (schreibt blumig): Gott schütze die Kinder!
Bettina (liest eine Mail von Volker Kauder mit Dringlichkeitsvermerk): 81 Prozent der Deutschen gönnt uns das Geld nicht.
Christian: Dummes Pack! Neid! Missgunst! Von wem ist die Mail? Den mach ich fertig!
Bettina (weiß, dass ihr Mann niemanden mehr fertig macht): Ich will das Geld.
Christian (nickt): Ich auch.
Bettina (ruft): Ich wünschte, es gäbe dieses Video nicht!
Christian (fühlt sich angegriffen): Ent-schul-di-gung, Missy!!!
Bettina (hasst Christian)
Christian (hasst zurück, zerreißt das Papier): Lassen wir das mit der Pressemitteilung! Rufen wir jemanden an!
Bettina (rollt mit den Augen): DU rufst niemanden an, Honey!!!
Christian (erinnert sich): O-kay … Dann warten wir einfach mal ab … bis Montag? Irgendwann muss es sich doch mal legen.
Bettina (düster): Ich will das Geld.
Christian (nickt): Ich auch.

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