Der Heilige Vater 1

Anwesend: Der Heilige Vater und Georg Gänswein. Georg Gänswein (feilt an einer Pressemitteilung)
Der Heilige Vater (träumt): Ich würde so gern mal in einen Starbucks. Echt jetzt.
Georg Gänswein (lächelt, schreibt)
Der Heilige Vater (lächelt auch): Solche Coffeeshops sind wirklich nett! Mah holt sich einen Kaffee und dann hat man seine Ruhe … internationales, angenehmes Publikum … Weitgereist … (lockt) … Ins Netz kann man auch …
Georg Gänswein (kopiert eine Pressemitteilung in eine Mail und verschickt sie an die Öffentlichkeitsarbeit)
Der Heilige Vater (betrachtet seine roten Schühchen): Wenn ich eine Wollmütze aufsetze, erkennt mich doch keiner …
Georg Gänswein (Millionen Sachen im Kopf) (gießt beiden Tee nach)
Der Heilige Vater (träumt): Manchmal, Georg, wäre ich gern freier … ich fühle mich oft … (enthüllt) … wie in einem goldenen Käfig!
Georg Gänswein (simst diskret) (benennt 22 Kardinäle)
Der Heilige Vater (setzt sich angeregt auf) (intensiv): Sie spielen da so schöne Jazzmusik!
Georg Gänswein (nickt freundlich, simst weiter)
Der Heilige Vater (springt auf und eilt zu seinem Plattenspieler): Ich entdecke den Jazz gerade für mich … (legt Ella Fitzgerald auf) … wunderbare Künstler …
Ella Fitzgerald (singt): BEI MIR BIST DU SCHÖN!!!
Der Heilige Vater: (wiegt sich in der Hüfte, shuffelt)
Georg Gänswein (bringt auf den Weg, entscheidet, lehnt ab)
Der Heilige Vater (wieder zurück im Sessel): Jedenfalls … ich habe mir überlegt, ob wir nicht nach Berlin gehen … (swingt im Stuhl)
Georg Gänswein (überrascht diese Idee nicht)
Der Heilige Vater (elaboriert): Die mögen mich da doch … ein neuer Erzbischof … ein Haufen Coffeeshops … (lacht) … Aber mal im Ernst … die sind viel zu säkularisiert … da hört man nie eine Kirchenglocke … die Kirchen im Westen sind kaputt, die im Osten gesprengt … Die Gemeinden meistens evangelisch … GROSSE Probleme …
Georg Gänswein (bestellt frischen Tee und Apfelschnitze für den Heiligen Vater)
Der Heilige Vater: …. Das ist eine echte Missionsaufgabe … Deutschland … Riesige Wirtschaftsmacht … ich werde dort viel mehr gebraucht als in Rom … und bevor … (hebt den Finger) … MARGOT KÄSSMANN … (visualisiert Margot Kässmann in Schloss Bellevue) … also WIRKLICH NICHT.
Georg Gänswein (lächelt freundlich) (googelt Starbucks, kopiert die URL in eine Mail an die Bauhütte des Vatikans)
Der Heilige Vater: … und nachts mache ich mich dann ab. Also … (lacht und schlägt Georg Gänswein begütigend auf den Arm) … ich meine, ich gehe in einen Coffeeshop. Mehr will ich nicht! Ein Coffeeshop, und ich bin glücklich! Molto felice! So N O R M A L…!
Ella Fitzgerald (singt): IT´S WONDERFUL … IT´s MARVELLOUS …!
Der Heilige Vater (shuffelt)
Georg Gänswein (nimmt den Tee und die Apfelschnitze entgegen, träufelt eine Einschlafhilfe in den Tee des Heiligen Vaters)
Der Heilige Vater (swingt durch den Raum, kommt den Einrichtungsgegenständen gefährlich nahe)
Georg Gänswein (stellt das Tablett auf den Nachtschrank neben dem Bett)
Der Heilige Vater (steppt an ihm vorbei): Ist es schon Bettzeit?
Georg Gänswein (feierlich) (kein Spielraum): Ja!
Der Heilige Vater: Va bene! Mir solls recht sein! Es war ein langer Tag! Aber das behalten wir mal im Kopf, ja, Georg? Berlin!!! Schloss Bellevue!!! … Da gibts bestimmt ein Haufen Coffeeshops in der Umgebung! Das ist der AUSGANGSPUNKT meiner Überlegungen!
Georg Gänswein (hilft dem Heiligen Vater in den Schlafrock))
Der Heilige Vater (im Bett) (greift nach dem Tee und den Apfelschnitzen) (shuffelt)
Georg Gänswein (wartet geduldig, Blick an die Decke)
Der Heilige Vater (shuffelt): Das dürfen wir nur nicht dem Seehofer sagen, der will mich immer nach München schicken. (gibt langsam der Schwerkraft nach) (wird schläfrig)
Georg Gänswein (geht zum Plattenspieler und verbannt Ella Fitzgerald in den Schrank)
Der Heilige Vater (nickt ein)
Georg Gänswein: (mailt der Bauhütte des Vatikans, dass sie wegen einem Coffeeshop mit begrenzter Teilnehmerzahl bei ihm vorsprechen sollen. SUBITO!)

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Der Heilige Vater 2

Im Vatikan. Ein neuer Coffeeshop hat seine Pforten geöffnet.
Der Heilige Vater (lächelt höflich) (schaut sich um)
Georg Gänswein (bestellt enthusiastisch einen Coffee Frappuccino blended beverage für sich und einen Espresso con panna für den Heiligen Vater)
Der Schweizergardist, der sich als Starbuck-Angestellter verkleidet hat: Subito, Signor Gänswein! (mixt)
Der Heilige Vater (lächelt höflich)
Georg Gänswein (reibt sich die Hände)
Der Heilige Vater (betrachtet die Gäste: Schweizergardisten, die als Backpacker und gutbürgerliche ältere Herrschaften verkleidet sind)
Georg Gänswein (nimmt die Getränke entgegen): T o l l, oder?
Der Heilige Vater (ätzt): Ja, toll. Der erste Italiener, der das hier sieht, reißt uns den Kopf ab.
Georg Gänswein (zuversichtlich): Aber hier sieht uns ja keiner.
Der Heilige Vater (wirft die Arme hoch): Weil ich in den Verliesen des Vatikans sitze in einem Coffeeshop ohne Tageslicht. Das ist bizarr! MEIN PLAN war, dass ich schön am Fenster sitze und das Straßenleben beobachte …
Georg Gänswein (rollt mit den Augen): Sie am Fenster! Irrwitzige Idee!
Die Schweizergardisten (klappern mit den Zähnen)
Der Heilige Vater (stöhnt): Bestellen Sie doch für diese Leute mal was Wärmeres zum Anziehen!
Georg Gänswein (simst)
Der Heilige Vater (definitiv): Ich will IMMER NOCH nach Berlin. Das mit dem Gauck ist doch noch nicht DURCH. Der Mann ist überhaupt nicht verheiratet! Was sagt denn SEEHOFER?
Georg Gänswein: Seehofer! (prustet) Da redet der Richtige!
Der Heilige Vater (verschränkt die Arme): Das hier ist jedenfalls noch keine Lösung.
Georg Gänswein (nippt an seinem Frappuccino blended beverage)
Der Heilige Vater (störrisch): Berlin ist die Lösung.
Georg Gänswein (ungeduldig): Boah ey …!
Der Heilige Vater: Genau! Boah ey! Es war ja eine LIEBE Idee, Georg. Aber ich will nach Bellevue … (träumt)

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Der Heilige Vater 3

Im Vatikan. In den Gemächern des Papstes.

Der Heilige Vater (düster): Seehofer nennt mich n i c h t „Heiliger Vater“.
Georg Gänswein (lächelt milde): Sondern?
Der Heilige Vater (düster): Joseph.
Georg Gänswein (lächelt milde)
Der Heilige Vater: Okay, vielleicht hätte ich das Telefongespräch nicht mit „Horst, hör mal anfangen sollen.
Georg Gänswein (lächelt milde)
Der Heilige Vater (rät): Vielleicht hat e r auch erwartet, dass ich „Sehr geehrter Herr Bundespräsident“ sage.
Georg Gänswein (lächelt milde): Vielleicht. Und was hat er zu unserem eigentlichen Anliegen gesagt, dass wir ins Schloss Bellevue wollen?
Der Heilige Vater (düster): „Nerv mich nicht, Joseph“, hat er gesagt, „jetzt bin ICH erstmal hier.“

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Der Heilige Vater shuffelt

Der Heilige Vater (in seiner Suite im Ritz-Carlton am Berliner Kurfürstendamm) (Ella-Fitzgerald in seinem MP-3-Player) (shuffelt)
Georg Gänswein (auf der Freisprechanlage): WO SIND SIE?! (dreht durch)
Der Heilige Vater (gickelt): Raten Sie! (shuffelt)
Georg Gänswein (Hand an der Stirn): Sagen Sie nicht, dass es was mit Coffeeshops zu tun hat!
Der Heilige Vater (klatscht in die Hände): Äh, doch!
Georg Gänswein (bekommt vom Leiter der Corporate Investigativo Agencia –CIA- des Vatikans ein das Zeichen, dass sie den Heiligen Vater downgetrackt haben)
Der Heilige Vater (legt auf) (shuffelt)
5 Minuten später, an der Rezeption des Ritz Carlton.
Der Heilige Vater (casually in Jeans und Hoodie, Riesensonnenbrille Modell „Jaqueline Kennedy“ auf der Nase) (zum Rezeptionisten, feierlich): Wo finde ich denn hier die nächsten Coffeeshops? (Weite Geste zum Kudamm raus) Hier müssen tausende sein.
Der Rezeptionist (irritiert, dass so eine zwielichtige Gestalt an seiner Theke auftaucht) Bitte?
Der Heilige Vater (kaut Kaugummi): Ha? Coffeeshops?
Der Rezeptionist (argwöhnisch): Kennen wir uns?
Der Heilige Vater (lacht): Ich Sie nicht, aber Sie mich vielleicht. Ist das WICHTIG? Also wo die Coffeeshop? (zu sich selbst) Mein Deutsch ist etwas eingerostet …
Der Rezeptionist (kennt die Stimme) (unverkennbar bayerischer Akzent) (legt die Stirn in Falten)
Der Heilige Vater (nicht dumm, zwei Oktaven tiefer): Links raus? Richtung Schloss Bellevue? Ist Horst … öh … ist der Seehofer da?
Der Rezeptionist (überfordert): Seehofer.
Der Heilige Vater (trommelt ungeduldig mit den Fingern auf die Theke): Na, der Interims-Präsident. Unser Staatsoberhaupt.
Der Rezeptionist (couldn´t care less) (hebt das klingelnde Telefon ab) Millionen Coffeeshops links raus, ja!
Der Heilige Vater (abschließend): Das haben die in ROM nicht. Coffeeshops. Nur BARS.
Der Rezeptionist (zieht … offen gesagt … eine Bar einem Coffeeshop vor) (Redeschwall Georg Gänsweins am Telefon)
Der Heilige Vater (shuffelt zum Hoteleingang raus)
Der Rezeptionist (hört zu, Augen weiten sich): Natürlich, Herr Gänswein … Keine Frage … Der Heilige Vater … (lacht nervös) … Den würde ich doch sofort erkennen … Er ist wirklich hier? … Na sowas … Ihn aufhalten? … Sicher … Er hat eine Coffeeshopfixierung? … O-kay … (lacht) … Den kriegen wir schon (winkt hektisch Sicherheitsleute herbei) …
Der Heilige Vater (shuffelt an einem frühlingshaften Samstagmorgen auf dem Kudamm Richtung Schloss Bellevue dem nächsten Coffeeshop entgegen)

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Oskar und Sahra

In Saarbrücken. Später Abend. Oskar Lafontaine pult an der Tischdecke, Sahra Wagenknecht liest Mails. (Kurzkrimi)

Oskar (deprimiert): Keiner mag mich.
Sahra: Macht nix. (studiert Mails)
Oskar (spürt emotionale Kälte): Das stört dich nicht, oder? (wartet vergeblich auf eine Antwort) Du bist doch meine Partnerin …
Sahra (beißt die Zähne zusammen)
Oskar (seufzt): Was sagen sie denn alle? … Dass ich eine miese Type bin? … (wartet) … (deprimiert) … Mag mich da noch jemand? … (rät) … Oder sind sie illoyal? … (rät richtig) … Illoyal, ha? … Hat dieser Bartsch eingelenkt? … Ist er zurück getreten …? (wartet)
Sahra (liest Bartschs Mail mit dem Betreff „Durchsichtiges Manöver, Frau Lafontaine-Wagenknecht!“): Ja … Aber wir wollen ja nicht mehr.
Oskar (überrascht): Wir wollen nicht mehr?
Sahra (liest Mails): Nee. So nicht.
Oskar (möchte schon): Und was dann? (pult an der Tischdecke)
Sahra (liest Gesine Lötschs Mail mit dem Betreff „Hatte ich recht oder hatte ich recht?“): Mal sehn …
Oskar (findet „mal sehn“ etwas dürftig) (schaut Sahra über die Schulter): Sind sie illoyal? Sag denen mal, wer ich bin.
Sahra (unkonzentriert): Sags ihnen doch selbst.
Oskar (sagt Sahra, wer er ist) (skizziert seine politische Laufbahn)
Sahra (liest Klaus Ernsts Mail mit dem Betreff „Nieder mit dem Kapitalismus!“)
Oskar (frühe Jahre)
Sahra (nickt Klaus Ernsts Pamphlet ab)
Oskar (mittlere Jahre)
Sahra (trinkt Kaffee)
Oskar: (Sturz Rudolf Scharpings)
Sahra (liest eine Mail Gregor Gysis mit dem Betreff „Ich.Halts.Nicht.Aus!“)
Oskar (Verrat Gerhard Schröders)
Sahra (liest eine Mail Petra Paus mit dem Titel „Rückzug aus Afghanistan!“)
Oskar (Verrat Heiko Maas)
Sahra (löscht eine Interviewanfrage von Uli Deppendorf, ARD)
Oskar (Verrat Gregor Gysis)
Sahra (liest bei dpa, dass Frau Schwabedissen Zusammenarbeit mit Dietmar Bartsch ablehnt) (kichert)
Oskar (Verrat Bodo von Ramelows)
Sahra (liest Rudolf Scharpings Mail mit dem Betreff „Kchkchkchkch“)
Oskar (Verrat Dietmar Bartschs)
Sahra (liest eine Mail Gerhard Schröders mit dem Betreff „Gruß vom Baikalsee!“)
Oskar (gibt auf) (betrachtet Sahra)
Sahra (nickt Petra Paus Mail ab)
Oskar (weich): Ich rede immer nur von mir selbst …
Sahra (seufzt)
Oskar (pseudozerknirscht): Arme Sahra … es tut mir so leid … (streichelt ihr über den Kopf) … Du hast einen so schwierigen Mann … zu berühmt … bricht Tabus …
Sahra (abwehrend)
Oskar(selbstkritisch) … immer zu selbstbezogen … du bist mir so wichtig … Sahra …
Sahra (googelt Handfeuerwaffen)
Oskar (feuchte Augen): Liebe Sahra … immer nur Sahra …
Sahra (wird fündig)
Oskar (schaltet um): … Reden wir also von d i r …
Sahra (checkt den Preis)
Oskar : … Wie ist es ….. Du wolltest doch immer ein Kind von mir … ich wäre so weit!!! (breitet die Arme aus)
Sahra (bestellt)

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Christian Linker im Gespräch

Diese Rezension ist zuerst erschienen am 6. Juni 2010 im CrimeMag erschienen:

Lob des genauen Blicks

Christian Linker, geboren 1975, hat für seinen fünften Roman Blitzlichtgewitter den Hansjörg-Martin Kinder- und Jugendkrimipreis 2009 des Syndikats gewonnen. Mit dem Autor, der in Köln wohnt, hauptamtlicher Diözesanvorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend ist und Romane schreibt, die sich vorwiegend im Jugendlichenmilieu abspielen, die gleichermaßen spannend und aktuell sind, hat Christiane Geldmacher gesprochen

Christiane Geldmacher: Als Sie im Mai 2009 in Singen mit Hansjörg-Martin Kinder- und Jugendkrimipreis Preis 2009 für Ihren Jugendroman Blitzlichtgewitter ausgezeichnet wurden, freuten Sie sich einerseits, diesen Preis gewonnen zu haben. Andererseits blutete Ihnen das Herz, weil Sie deswegen nicht an der – von Ihnen mit vorbereiteten – Sozialaktion 72 Stunden – Uns schickt der Himmel des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) teilnehmen konnten. Das hat Sie beschäftigt, oder?

Christian Linker: In der Tat hat mich das sehr bewegt. Es war eine schwere Entscheidung für mich gewesen, nach Singen zu fahren, und dass ich dann tatsächlich den Preis gewonnen habe, war einfach nur großartig. Aber insgesamt kommt das leider oft vor, dass ich Kompromisse machen muss, ich denke, das kennen alle, die sich beruflich nicht ausschließlich dem Schreiben widmen.

Ch. G.: Viele Autoren hängen in einem Brotberuf fest, aus dem sie raus wollen. Bei Ihnen ist das anders, Sie hängen an ihrem Job. Was genau haben Sie an diesem Samstag in Köln verpasst? Wohin hätte Sie „der Himmel geschickt“?

Ch. Linker
: Erstmal ins Büro, wo wir die Aktionszentrale für das Erzbistum Köln geleitet haben. Und dann raus, einzelne Aktionsgruppen besuchen. Ein paar hab’ ich am späten Freitagabend noch geschafft, so eine Jugendgruppe, die noch gegen Mitternacht dabei war, die Uferbefestigung für einen Teich neu zu bepflanzen. Im Scheinwerferlicht standen sie in hohen Stiefeln bis zu den Knien im Wasser, hörten coole Musik und hatten tierisch Spaß. Was wieder mal zeigt, dass fun und Sinn durchaus gut zusammenpassen, wenn es um freiwilliges Engagement geht. Insgesamt 200 Kinder- und Jugendgruppen haben wir von Köln aus koordiniert – bundesweit waren es an diesem Wochenende rund 3.000. Mit insgesamt 100.000 Teilnehmern.

Solche Aktionen sind natürlich nur ein kleiner Ausschnitt meines derzeitigen Jobs. Als Dachverband von elf autonomen Jugendverbänden betreiben wir vor allem politische Lobbyarbeit für den Erhalt und die Weiterentwicklung der freien Jugendarbeit – in Zeiten knapper Kassen und eines sich immer weiter ausdehnenden Schulbetriebs eine spannende Aufgabe.

Ch. G.
: Früher, sagen Sie, haben Sie gern lange und ausschweifende Vorträge vor wehrlosen Erwachsenen gehalten und viel PR gemacht. Jetzt sind Sie Diözesanvorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in Köln. Machen Sie immer noch PR?

Ch. Linker
: Nein. Beim BDKJ haben wir einen sehr guten PR-Referenten, der alles einspielt, so dass wir vom Vorstand bloß ab und zu schlaue Sätze in ein Mikro sprechen und uns sonst um nix kümmern müssen. Insgesamt sieht der Job so aus, dass wir die Interessen unserer Mitgliedsverbände vertreten, vor allem gegenüber dem Erzbistum Köln und der Landespolitik. Und uns darüber hinaus als Anwälte für die Anliegen der jungen Generation verstehen. Wir mischen uns überall dort in die Politik ein, wo es um die Interessen junger Menschen geht – in der Schulpolitik natürlich oder im Bereich Kinderarmut. Aber auch zum Beispiel, wenn wieder mal überall von „Jugendgewalt“ geredet wird. Bisweilen geschieht das in Form von Aktionen und Projekten, der Alltag besteht aber aus etlichen Gesprächen, Sitzungen, Konferenzen. Was allerdings spannender sein kann, als es zunächst klingt.

Ch. G.
: Machen Sie das in Vollzeit?

Ch. Linker
: Zumindest bekomme ich ein Vollzeit-Gehalt. Am Anfang waren das auch schon mal 80 Stunden die Woche, weil der Übergang vom Job zum Hobby fließend ist. Seit ich Kinder habe, diszipliniere ich mich stark.

Ch. G.
: Wann haben Sie Zeit, Ihre Bücher zu schreiben? Immerhin haben Sie schon fünf publiziert. Sind Sie ein Nachtschreiber? Oder ein Wochenendschreiber?

Ch. Linker
: Meine Arbeitszeiten beim BDKJ sind vollkommen flexibel, daher bleibt immer wieder Zeit zum Schreiben. Aber nachts klappt es seltsamerweise am Besten, da ist meine Konzentration voll da und die Kreativität auch. Und das schöne an den Nächten ist: Es ruft keiner an.

Ch. G.
: Wie lange brauchen Sie für ein Buch? Also reine Schreibzeit und dann Überarbeitungszeit?

Ch. Linker
: Das ist sehr unterschiedlich. Meistens eine oder zwei konzentrierte Wochen, um das Projekt auf den Weg zu bringen, mit zwei oder drei Kapiteln und einem Exposee für den Verlag. Nach Vertragsunterzeichnung liegt es leider oft einige Zeit bei mir rum, bis ich mich wieder aufgerafft kriege, mich richtig in die Sache reinzuwühlen. Dann kommt irgendwann der point of no return, wo es klick macht und ich selber plötzlich den Plot ganz klar vor mir sehe. Dann packt mich oft ein Rausch, der gut zwei Monate anhalten kann. Dann steht das Manuskript. Die Überarbeitung mit der Lektorin, das sind meistens zwei Phasen, kann jeweils einen Monat dauern. Und dann kommt das Warten auf den großen Tag der Veröffentlichung, das Fiebern auf die Premierenlesung.

Ch. G.
: Gibt es dazwischen auch so etwas wie suizidale Momente? Also fragen Sie sich manchmal: Was mache ich hier eigentlich? Ich habe einen Superjob, eine Superfamilie, ich habe schon fünf Bücher draußen … ich könnte eigentlich einen Gang zurückschalten.

Ch. Linker
: Nein. Aber vielleicht kommen die noch, wenn ich eines Tages das Schreiben zum Hauptberuf mache und mich frage: Warum hab’ ich all das aufgegeben?

Ch. G.
: Würden Sie gern das Schreiben zum Hauptberuf machen? Oder sagen Sie sich: Das geht beides. An was arbeiten Sie zurzeit?

Ch. Linker
: Im Dezember endet meine dritte Amtszeit als BDKJ-Vorsitzender und ich werde nicht wieder kandidieren, weil ich mit 34 inzwischen nicht mehr der geeignetste Jugendvertreter bin. Und wenn ich an nächstes Jahr denke, überwiegt bei mir zurzeit die Lust, mich schwerpunktmäßig dem Schreiben zu widmen. Vielleicht erst mal nur für ein Jahr, dann mal schauen, ob es Spaß macht und finanziell passt, und dann weitersehen. Es wäre schon toll, richtig Zeit dafür zu haben. Ich arbeite gerade an einem neuen Jugendroman, aber es fehlt mir noch die Zeit, daneben auch mal mit ganz anderen Sachen zu experimentieren. Und das ist mein Ziel, mich etwas mehr auszuprobieren.

Ch. G.
: Worum geht es in Ihrem neuen Roman und womit genau würden Sie gern experimentieren?

Ch. Linker
: Mit anderen Themen und Zielgruppen, mit anderen Gattungen – von Lyrik bis Theater interessiert mich vieles. Um was es allerdings in meinem neuen Roman geht, möchte ich vorab nicht verraten. Das tut ich nie; ist eine Art Marotte von mir.

Ch. G.
: Sie sind nicht gerade das, was man einen Regionalfreak nennen würde. Ihr Roman Blitzlichtgewitter hat keinen bestimmten Ort, er könnte überall spielen. Hat das einen bestimmten Grund, dass Sie sich dem Lokalen entziehen?

Ch. Linker
: Ich finde es gut, wenn der Roman quasi überall spielen kann, in jeder mittleren Großstadt irgendwo in Deutschland. Ich habe das bei meinem Buch Das Heldenprojekt so gemacht, weil es da auch stark um Lokalpolitik ging und ich gerade deswegen neutralen Boden wollte. Und irgendwie bin ich dabei geblieben. Vielleicht ist es auch so, dass ich die Story nach vorne stellen will und nicht die Kulisse der Handlung.

Ch. G.
: In Blitzlichtgewitter geht es um Mobbing unter Jugendlichen und den sehr laxen Umgang mit Privatsphäre. Dabei geben Sie Ihrem Personal eine sehr starke und auch sehr unterschiedliche Figurenrede. Schauen Sie Ihren Jugendlichen aufs Maul? Kann es passieren, dass Sie mitten in einer Unterhaltung den Stift zücken und fragen: „Darf ich mir das mal aufschreiben?“

Ch. Linker
: Nein, die Figurenrede entspricht eher meiner eigenen Umgangssprache. Die entspricht inzwischen auch nicht mehr ganz dem Duktus, den ich heute bei heranwachsenden Leuten höre. Wenn ich aber ganz bewusst bestimmte Ausdrücke aufgreifen und verwenden würde, bekäme die Sprache etwas Künstliches. Und ich bin mir sicher, dass das die Leser sofort bemerken würden, dass jemand versucht, sie zu imitieren. Gerade Jugendliche haben ein feines Gespür für sowas.

Ch. G.
: Der Tatort gefällt Ihnen nicht, oder? Oder findet nur Ihr Protagonist Fabian in Blitzlichtgewitter, dass er zu wenig Action hat und zu viel herumpsychologisiert wird? „Tatort schauen ist wie sonntags in die Kirche müssen“, sagt Fabian.

Ch. Linker
: Ab und zu seh’ ich mir ganz gerne einen Tatort an, vor allem Köln und Münster haben es mir angetan. Aber als Jugendlicher war diese Sendung für mich der Inbegriff des Spießertums und des Erwachsenseins.

Ch. G.
: Sie sagen von sich, dass Sie gern mal die Grenze des guten Geschmacks verletzen. Gab’s da schon mal Ärger, weil Sie Worte wie „fuck“ in Jugendromanen benutzen? Erklären Sie das mit dichterischer Freiheit?

Ch. Linker
: Ich erkläre das in erster Linie mit Notwendigkeit: Ich halte „fuck“ für ein Wort, das in bestimmten Situationen vollkommen angemessen ist, vom Klang und auch vom Schriftbild her ist es wie kaum ein anderes Wort geeignet, Zorn und Wut wie in einem Brennglas zu verdichten. Insgesamt finde ich beim Erzählen wichtig, immer wieder ein Schlaglicht in die Schmuddelecken der Gesellschaft zu werfen – sei es von der Handlung her oder eben auch sprachlich.

Ch. G.
: Sie verzichten auf den billigen Thrill. Ihre Stories sind gut recherchiert und Sie geben Ihrem Helden eine Chance. Er entwickelt sich. Als sich Fabian in Blitzlichtgewitter in einer Frustsituation dazu hinreißen lässt, seine Ex-Freundin vor versammelter Mannschaft mit Nacktfotos bloßzustellen, bricht seine psychosoziale Welt auseinander. Die Familie ist sauer, die Freunde sind sauer. Von der Ex gar nicht zu reden. Aber am Ende schafft er es doch wieder, sein Schiff auf Kurs zu bringen.

Ch. Linker
: Genau das ist es, was mich beim Schreiben am meisten interessiert: Ich bringe meine Figuren in prekäre Situationen und lote aus, wie sie sich unter diesen Bedingungen weiterentwickeln. Das ist in gewisser Weise immer auch ein Selbstgespräch – wie würde ich mich in dieser Situation verhalten? Welche Optionen hätte ich? An wen könnte ich mich wenden, wenn meine Welt zusammenbricht? Auf wen ist eigentlich Verlass? Was ist letztendlich überhaupt wichtig, was gibt mir Halt? Wenn ich so meine Figuren an ihre Grenzen führe und darüber hinaus, tue ich das immer auch in der Absicht, dass meine Leser in Gedanken mitgehen und vielleicht über ihre eigenen Grenzen, Ängste und Potenziale nachdenken.

Ch. G.
: Nervt Sie das Label Jugendbuch? Nicht, dass Sie nicht aus der Nische raus könnten: Sie hätten die Protagonisten in Blitzlichtgewitter ja nur ein paar Jahre älter machen müssen, den Plot – sagen wir an der Uni situieren – und hätten einen „normalen“ Krimi gehabt. Gleicher Plot, gleiche Figuren, alle nur zehn Jahre älter.

Ch. Linker
: Wenn ich demnächst mehr Zeit zum Schreiben habe, möchte ich gern auch andere Dinge ausprobieren. An den Helden im Jugendlichenalter fasziniert mich, dass sie noch so wenig festgelegt sind. Zugleich ist es ja das Alter, in dem einschneidende Dinge geschehen. Du bist auf der Suche nach dir selbst und deinem Platz in der Welt, bist ständig mit neuen, noch unbekannten Gefühlen konfrontiert. Das ist einfach eine schöne Basis für jeden Plot.

Ch. G.
: Sie haben eine Website im Netz. Besonders gefällt uns Ihr Kontaktformular. Freuen Sie sich, wenn Leser Ihnen schreiben?

Ch. Linker
: Ja, jederzeit. Und jede Mail wird beantwortet – früher oder später. Manchmal bekomme ich sehr diffizile Fragen zu meinen Büchern und weil ich keine 08/15-Antworten geben will, kann es manchmal dauern, bis ich Zeit habe, in Ruhe zu antworten. Aber ich melde mich.


Ch. G.
: Herr Linker, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Foto: Wolfgang A. Noethen

Christiane Geldmacher

Christian Linker: Blitzlichtgewitter.
München: dtv pocket 2008. 224 Seiten. 7,95 Euro.

Christian Linker: RaumZeit.
München: dtv pocket 2007. 160 Seiten. 6,95 Euro.

Christian Linker: Doppelpoker.
München: dtv pocket 2007. 224 Seiten. 7,00 Euro.

Christian Linker: Das Heldenprojekt.
München: dtv pocket 2005. 256 Seiten. 7,95 Euro.

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Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott.

(zuerst erschienen im CrimeMag, 29. Januar 2009)

Hilfsausdruck Seelenverwandtschaft

Simon Brenner ist wieder da, Wolf Haas’ Detektiv mit Polizeivergangenheit. Er nimmt Antidepressiva, hat aber einen coolen Job als Chauffeur des wohlhabenden Bauunternehmers Kressdorf. Er karrt die zweijährige Helena zwischen Mutter und Vater hin und her, zwischen Wien und Kitzbühel. Bis ihm eines Tages an einer Tankstelle das Kind vom Rücksitz geklaut wird. 100 Entführungsstunden später weiß Christiane Geldmacher warum.

Ausgerechnet dem Brenner kommt so eine Zweijährige abhanden, einem Expolizisten, Exdetektiv. Und kurze Zeit später hat er deswegen keinen Job mehr, keine Wohnung, kein Auto. Stattdessen wird er von dem pedantischen Polizisten Peinhaupt über 30 Stunden lang verhört, der ihm unterstellt, er habe das Kind entführt.

Bald ist Brenner wieder auf freiem Fuß und macht sich daran, das soziale Umfeld der Kressdorfs abzugrasen, die, Vater wie Mutter, viele Feinde haben. Der Vater ist ein umstrittener Baulöwe mit umstrittenen Bauprojekten, die Mutter arbeitet in einer umstrittenen Abtreibungsklinik in Wien. Da könnte also jeder das Kind geklaut haben, um die Eltern zu erpressen. Allein vor der Abtreibungsklinik halten ständig irgendwelche Betschwestern ihre Transparente hoch, die einen Freudentanz aufführen würden, wenn die Klinik geschlossen würde.

Brenner ermittelt also in Wien und in Kitzbühel, in Schrebergärten und auf Almwiesen gegen Bausenatoren, Politiker und Banker. Irgendwann landet er in einer Senkgrube und begegnet dort Gott, dem einzigen Nichtverdächtigen im Buch, außer vielleicht dem fleißigen Polizisten Peinhaupt. Gott übrigens ein grundsympathischer Bursche, jedenfalls nach dem ersten Eindruck, dann wird der Brenner wieder aus der Scheiße gezogen.

Packende Actionszenen

An genregemäßer Action mangelt es dem Haaskrimi natürlich nicht: Es gibt Verfolgungsfahrten, Schusswechsel, Morde; am Schluss sind es sechs Begräbnisse, die Brenner alle besucht, um herauszukriegen, wer letztlich in der Sache alles dringehangen hat.

Natürlich geht es um hochaktuelle Themen: Die Obszönität von Erlebnisworld-Architekturen, die ganze Stadtviertel platt machen; die Obszönität von Abtreibungsdiskussionen, die um die Frage kreisen, wann genau der menschliche Fötus eine Seele hat; die Obszönität von blonden Fernsehmoderatorinnen, die „Wie-fühlen-Sie-sich“-Fragen an Problemmenschen stellen; die Obszönität von rasenmähenden, zaunstreichenden, politisierenden und autowaschenden Schrebergartenpensionisten, die ihre Bösartigkeit in Kleinkriminalität ausleben.

Ein typischer Haas’scher Absatz funktioniert ungefähr so: Mit Rede und Gegenrede, gesundem Menschenverstand und überraschender Kehrtwendung:

„Zwischen der vierundsiebzigsten und der achtundsiebzigsten Stunde hat der Brenner eine Eins-A-Ermittlung hingelegt, die nachher eigentlich nie richtig gewürdigt worden ist. Das ist alles erschlagen worden von dem Wahnsinn am folgenden Tag. Bei so einer Entwicklung ist es ganz klar, dass die Kleinarbeit untergeht. Der Hobel kann nicht jeden Span persönlich mit einer Dankesrede für die gute Mitarbeit verabschieden, und wenn ein Verbrechen einmal richtig eskaliert, wenn ein Mord von seinen kleinen Kindern, den Folgemorden, besucht wird, dann kann man einen Detektiv nicht für alles belobigen, was er richtig gemacht hat. Aber weil alle so drüber hinweg gegangen sind, möchte ich es zumindest kurz streifen. Ich muss sagen, großartig, wie der Brenner die Suche nach dem Jugomädchen eingeleitet hat. Nach der Sunny. Da ist er zu einer detektivischen Hochform aufgelaufen, wo man nur sagen kann, Hut ab. Ich weiß auch nicht, irgendwie ist es ein Zug der Zeit, dass diese Dinge niemand mehr richtig würdigt. Die saubere Detektivarbeit, die polizeiliche Routine, das handwerkliche Können haben heute keinen Wert mehr. Sogar der Brenner selber hat sich nichts dabei gedacht oder gar später darauf zurückgeblickt. Weil Handwerk selbstverständlich.“

Gute Krimis sind Geschmackssache, schlechte nicht

Es stimmt alles in diesem Krimi, der Plot, die Figuren, die Lokalität, die Spannung, die Sprache, der Witz, die Gegenwartsbezüge. Kein Wort sitzt falsch, kein Bild geht daneben, Wolf Haas ist unverwechselbar vom ersten bis zum letzten Absatz. Wenn man also den Grundcheck Plot/Figuren/Sprache etc. positiv beschieden hat und es darüber hinaus keine grottigen Ausflüge in weltanschauliche, esoterische und religiöse Parallelwelten mit Metaphysiküberdosis gibt (trotz der bemerkenswerten Begegnung mit Gott in der Senkgrube) – dann ist so ein Krimi Geschmackssache. Seelenverwandtschaft Hilfsausdruck eben.

Auf die Frage „Warum noch mal ein Brenner?“ hat Wolf Haas übrigens eine verblüffend einfache Antwort gegeben: Weil ihm noch einer eingefallen ist. Und so weit lehnt er sich jetzt schon mal zum Fenster raus: Das könnte auch jederzeit wieder passieren. Gut so. Wenn es nach seinen Seelenverwandten geht, kann er noch so viele Brenners schreiben wie Georges Simenon Maigrets.

Christiane Geldmacher

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott. Roman.
Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 2009. 223 Seiten. 18,99 Euro.

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Nury Vittachi: Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät

(Diese Rezension ist zuerst erschienen im CrimeMag am 29. August 2009)

Auf Leben und Tod

Nury Vittachi erspart dem Leser nichts. Sein Fengshui-Detektiv C.F. Wong und die quirlige englisch-australische Assistentin Joyce McQuinnie jagen Verbrecher rund um den Erdball. In Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät führt die Reise von Singapur über Hongkong, den Himalaja und Islamabad nach London. Dabei gibt es kaum ein Thema, das Vittachi nicht verhandeln würde: Menschenrechte, Zensur, Pressefreiheit, Korruption, Heuschreckenkapitalismus, Umweltkriminalität, Tierquälerei. Was bei anderen Autoren grandios schief gehen kann, macht Vittachis virtuose Ausrufezeichen-Tragikkomödien erst aus. Von Christiane Geldmacher.

Aber der Reihe nach. C.F.Wong steht vor dem Geschäft seines Lebens. Es hat zwar nichts mit Fengshui zu tun, aber dafür umso mehr mit Textmarkern, in Form kleiner Früchte, hier Bananen. Diese sollen der von Wong neu gegründeten Harmoney Private Ltd. (so wie „Har“ und „Money“) Geld in die klamme Kasse spülen. Doch die böse Überraschung bleibt nicht aus: die 180000 Textmarker sind nicht mit leuchtendgelber, sondern mit schwarzer Tinte gefüllt. Die eignet sich nur zum Durchstreichen. Das Businesstreffen entwickelt sich zu einem Fiasko, die Kundin springt dem fassungslosen Wong ab und der Produzent der nutzlosen Marker – ein Mitglied einer skrupellosen indischen Mafia – will trotzdem sein Geld sehen.

Unter Wölfen

Guter Rat ist teuer. Ohne seine rührige Assistentin Joyce wäre Wong aufgeschmissen, aber die hat gerade einen lukrativen Auftrag an Land gezogen. Ein Großraumflugzeug, „Skyparc“ genannt, soll im Auftrag der British Trade Commission fengshuit werden, damit es an die Chinesen verkauft werden kann. Der größte Superjet aller Zeiten, der „iMac der Flugzeugwelt“, mit Konferenzzentrum, Theater, Café, Kino, Bistros („die weltweit beste Tagungsstätte für brisante Verhandlungen auf Regierungsebene. Perfekt für Israelis und Palästinenser, Singhalesen und Tamilen“). Wong und Joyce fliegen also nach Hongkong, wo der Skyparc auf dem Flughafen auf seine Fengshuisierung wartet. Wong und Joyce kommen im besten Hotel am Platz unter („Welche Pracht. Welcher Stil. Welcher Luxus. Welcher Pomp. Welche Geschmacklosigkeit!“), aber kaum haben sie die Koffer abgestellt, gibt es eine Leiche. Ein Erdölmanager wurde erschossen, und zwar ausgerechnet an Bord des herrlichen Luxusfliegers. Wong frohlockt: Der Mord treibt sein Honorar natürlich in astronomische Höhen. Und da der Täter quasi schon überführt ist – es soll ein militanter Umweltaktivist gewesen sein – braucht er nichts anderes zu tun, als den Skyparc von seinen negativen Schwingungen zu befreien und die Rechnung zu schreiben.

Wenn es nur so einfach wäre. Denn an der Schuld Paul Bakers bestehen Zweifel. Ein Videoband fehlt, auf dem der Mord aufgezeichnet wurde und der Hauptzeuge erweist sich als unglaubwürdig. Um den richtigen Mörder zu entlarven, gehen Wong und Joyce mit dem Skyparc auf die Reise, aber in der Zwischenzeit hat ihr Auftraggeber gewechselt. Es ist jetzt nicht mehr die British Trade Commission, sondern Prince Charles höchst selbst, der Wong das dreifache Honorar zahlt, wenn er Paul Baker entlastet, damit die Umweltorganisation, der er angehört, nicht diskreditiert wird.

Wong und Joyce werden dabei fast vergast und nachdem vier Bomben explodiert sind, rast der brennende Superjet auf ein Schneefeld im Himalaja zu. Nichts für schwache Nerven. Und natürlich auch kein gutes Fengshui.

Ambivalente Helden

Vittachis Krimis leben von ihrem bizarren Ermittlerduo. C.F. Wong und Joyce McQuinnie sind beide auf unterschiedliche Art Idealisten. Wong, dessen Leben sich in einem grotesken Gegensatz zu den von ihm gepredigten Fengshui-Prinzipien befindet, schreibt seine zauberhaften Paradise-lost-Grashalmgeschichten (auch leider schon mal in seiner Abstellkammer zwischen Klorollen), Joyce ist eine nimmermüde und eifrige Vorkämpferin für globale Gerechtigkeit. Durch diese Figuren schreibt Vittachi gegen die Wirklichkeit an: absurd, überdreht und grotesk. Seine Bücher sind flammende Anklagen gegen die Dummheit. Nie würde es ihm einfallen, Konzessionen an den Leser oder Publikumsgeschmack zu machen. Er eskaliert jeden Konflikt, den er kriegen kann.

Dabei verletzt er alle Regeln der Komposition, schreibt, wie er es gerade braucht. Und es macht nichts. Im Gegenteil: Seine Storys werden dadurch umso furioser. Im letzten Fünftel des Buchs explodieren plötzlich die Perspektiven, einfach weil der Flieger explodiert: aus zwei werden sechs. Bei Vittachi geht das, man merkt’s auch erst nicht. Er erweist sich als Herr und Meister seiner Geschichten und der literarischen Stilmittel. Dabei wahrt er zu seinen Figuren immer ironische Distanz, er macht sich nie gemein mit ihnen. Wong neigt zur Geldgier und Übellaunigkeit, Joyce zu Naivität und Hedonismus. Gerade das ist das Spannungsfeld, in dem sich die Storys so abwechslungsreich entwickeln. Ost und West, Mann und Frau, alt und jung. Und das alles in dieser wunderbaren Poesie der esoterischen Fachsprache: Da gibt es das Flugzeugfengshui, das Gebäudefengshui, das Friedhoffengshui und, ja, auch ein Mailfengshui (800 Mails im Posteingang ist ein Zeichen für ein schlechtes Fengshui und für abgestorbene Energie). Für Leser, die auf so was abfahren, sind Vittachis Bücher ein Quell ständigen Vergnügens.

Witzig, unterhaltsam, philosophisch

Was Vittachis Bücher so spannend macht, sind ihre stetigen Orts- und Tempowechsel. Auf irrwitzige, abgedrehte Verfolgungsjagden mit spritzigen Dialogen folgen kontemplative Grashalmgeschichten, die den Leser an den Ort der Ruhe und aufs Wesentliche zurückführen. Um ihn jedoch sofort wieder ins Chaos zu stürzen. Hier präsentiert Vittachi eine Vielzahl großartiger und starker Einzelszenen. Etwa wenn Wong ein Kundengespräch auf einem Schiff im Singapurer Hafen vorbereitet, das Schiff aber plötzlich ablegt und sich alle Energieströme dramatisch ins Negative ändern. Oder wenn Joyce im Angesicht des Todes mit dem einzigen Royal an Bord („Yeah!“) ins Bett springt. Oder wenn Wong schlussendlich doch noch seine 180.000 schwarztintigen Textmarker losschlagen kann, weil sie für Zensurzwecke der Behörden geradezu ideal sind. Wong strahlt: Er erhält vom Grossist sogar Folgeaufträge!

Die letzte erbauliche Grashalmweisheit lautet übrigens: „Viele Märchen der Völker handeln von Krügen, die nie leer werden. Solche Krüge gibt es wirklich. Man muss sie nur finden.“
Genau. Die Bücher des fröhlichen Anarchisten Nury Vittachi sind solche Krüge.

Christiane Geldmacher

Nury Vittachi: Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät (Original: Mr Wong goes West, 2008).
Aus dem Englischen von Ursula Ballin:
Zürich: Unionsverlag metro 2009. 246 Seiten. 19.90 Euro.

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| Zu Nury Vittachis Weblog The Curious Diary of Mr Jam

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Colin Cotterill: Dr. Siri sieht Gespenster

(Diese Rezension erschien zuerst am 23. November 2009 im CrimeMag)

Von Geistern und Schamanen

Die Krankenpflegerin Dtui, Assistentin des laotischen Pathologen Dr. Siri Paiboun, sitzt in einem dunklen, eiskalten Raum. Sie ist zerschunden, zerkratzt, zerbissen. Wie ein Sack Bohnen wurde sie von einer Bestie über unwegsamen Boden geschleift. Mehrere Frauen sind in letzter Zeit auf barbarische Weise in Vientiane umgekommen. Und Dtui soll die nächste sein, wenn der Vollmond hoch am Himmel steht. Dr. Siri fürchtet um ihr Leben. Von Christiane Geldmacher.

Man muss sie mögen – diese Geistergeschichten Colin Cotterills. Denn er meint es ernst damit. Die Laoten glauben an Geister, sagt er. Und zwar nicht an die niedlichen Geister englischen Typs, die hinter der Tür auflauern und „Huuuuuh!“ rufen, oder an die indianischen Geister Tony Hillermans, die respektvolle Distanz wahren. Meistens jedenfalls. Nein, die Geister Cotterills sind den moralischen Zeigefinger hebende und übergriffige Geister. Sie sitzen am Bett, im Tisch, in der Ecke. Sie klagen die Lebenden an. Und Dr. Siri glaubt auch an sie. Wenn auch mit gebotenem Skeptizismus. „Ach du Scheiße“, entfährt es ihm, als er erfährt, dass er selbst die Reinkarnation eines legendären Schamanen sein soll.

Monster treiben ihr Unwesen

In Cotterills zweitem Krimi Dr. Siri sieht Gespenster treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Eine Durchfallkranke, eine Frauenfunktionärin, eine Schmugglerin finden ein furchtbares Ende. Und nicht nur sie. Schließlich reißt sich noch ein Mann den Kopf ab. Diese Morde sind so barbarisch, dass man nur rohe tierische Gewalt dahinter vermuten kann. Das bietet sich sowieso an, weil ein Bär aus einem Käfig eines Nobelhotels ausgebrochen ist und die Stadt unsicher macht. Die Assoziation zu E.A. Poes Orang-Utan im „Doppelmord in der Rue Morgue“ liegt nahe. Aber wir erinnern uns: Der erschien reichlich überkonstruiert. Und ganz ähnlich ist es auch bei Cotterill. Ein gedemütigter Bär soll zurückdemütigen? Und vornehmlich nur Frauen? Na, na!

Guter Erzähler, gute Figuren, wirrer Plot

Seine Story, keine Frage, kann Cotterill anschaulich und bunt und fröhlich erzählen. Kommunismus kann er, Mangelwirtschaft kann er, geschrottelten Alltag kann er, Unfähigkeit lokaler Parteikader kann er, und den Bürger im Nahkampf mit den steinzeitkommunistischen Behörden kann er auch.

Und vor allem kann er liebevoll charakterisiertes Personal. Da ist der lustige Dr. Siri, die Krankenpflegerin Dtui, Inspektor Phosy, Richter Haeng und der Kommunist Civilai. Zum Personal bei Dr. Siri sieht Gespenster gehören außerdem: Puppenspieler, Zauberer, magische Holzpuppen. An dieser Stelle könnte es dem Krimileser glatt zu viel werden – aber da setzt Cotterill noch in der Gestalt des Wertigers einen drauf. Ein Wertiger ist der Geist eines Tigers, der in einen Menschen einfährt. Okay. Das Monster ist also gar kein Bär, es ist ein Tiger! Die Opfer wiesen ja auch Biss- und Kratzspuren auf. Das passt also ganz gut. Der Leser ist o­n high alert.

Leider erweisen sich im Verlauf der Handlung viele Abschnitte als überflüssig oder der Story nicht besonders dienlich. Und viele der Vergleiche gehen daneben. Da klappern die Schritte der Beamten wie die Perlen in der ehemals prall gefüllten Schmuckschatulle einer an den Bettelstab geratenen Frau; da trägt eine Frau so viel Liebe in sich wie eine Klabusterbeere am Hintern einer Ziege; da hat ein Russe einen Kopf wie rohe Nudeln; und ein Löwe ist so mager, dass man auf seinen Rippen Xylophon spielen könnte. Es ist wirklich außerordentlich schwierig, da ein Bild reinzukriegen.

Dennoch: wunderbar, wenn Dr. Siri vor Gericht erscheinen muss, weil er in einem Wutanfall einen Radiolautsprecher zerhackt hat, der Parteiverlautbarungen in sein Viertel schmettert. Und wenn diese Anhörung dann in der Kantine des Justizministeriums stattfindet, weil dort alle Anhörungen stattfinden. Oder wenn Dr. Siri – hochwichtig! – die Reinkarnation Yeh Mings sein soll, eines über tausend Jahre alten, legendären Schamanen, der, wie sich herausstellt, jedoch nur von einem kleinen Dorf irgendwo auf dem Land verehrt wird.

Und, wie löst Dr. Siri die Mordfälle? Gott sei Dank weniger mithilfe der Geister als vielmehr mithilfe seines Geistes. Mittels Deduktion und Intuition. Der Leser atmet auf: Der Autor mutet ihm nicht das Alleräußerste zu. Nicht der Schamane Yeh Ming löst den Fall, sondern Dr. Siri selbst. In jenen Tunneln, die unter der Stadt liegen und wohin es seine Assistentin Dtui im Zuge ihrer Ermittlungen verschlagen hat. Der Geisterdiskurs endet in Dreck und in Schmutz. Und die Bestie ist weder Tier noch Geist. Das ist auch besser so.

Ach ja, die Geister. Wie gesagt, man muss sie mögen, denn sie werden nicht ironisch gebrochen. Was nur will uns der Autor damit sagen? Dass die menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten nicht besonders weit reichen? Okaaay … Dass es Parallelwelten gibt? Okaaaaay … Dass die im Fernen Osten einen unmittelbareren Draht zum Magischen haben? Na ja. Also weißte.

Der nächste Dr. Siri soll noch geisterhafter werden, so hört man. Da könnten sich allerdings viele Leser von ihm verabschieden. Zu grottig sind diese Geistergeschichten, trotz der vielen gelungenen Späße.

Christiane Geldmacher

Colin Cotterill: Dr. Siri sieht Gespenster (Thirty-Three Teeth, 2005). Roman.
Deutsch von Thomas Mohr.
München: Manhattan 2009. 320 Seiten. 17,95 Euro.

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Josef Wilfling: Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden

(Diese Rezension erschien zuerst am 27.10.2010 im CrimeMag)

Lüge, dachte ich.

Die Zahlen sprechen für sich: Der bekannte Ex-Leiter der Münchner Mordkommission Josef Wilfling – Anfang 2009 in Pension gegangen – deckte in 42 Dienstjahren mit einer fast hundertprozentigen Aufklärungsquote rund 100 Mord- und Totschlagsfälle in München und Umgebung auf. Unter anderem auch den Sedlmayr- und den Mooshammerfall. Nach seiner Pensionierung fing Wilfling an zu schreiben. Herausgekommen ist das kurzweilige Buch eines Starermittlers, der sich vor allem durch gesunden Menschenverstand auszeichnet. Gelesen von Christiane Geldmacher.

42 Dienstjahre. In dieser Zeit hat Josef Wilfling keinen Toten gesehen, der einen friedlichen Gesichtsausdruck gehabt hätte. „Tote sind nicht schön anzuschauen und Ermordete noch weniger“, sagt er. In all den Jahren hat er sich nie daran gewöhnt. Immer wieder stand er an Tatorten und hatte keine Erklärung dafür, warum Menschen so brutal und gefühllos sind. Die Motive? Habgier, Mordlust, Befriedigung des Geschlechtstriebs, Heimtücke, Grausamkeit, Gemeingefährlichkeit.

Unglaubliche Fälle

Das schnellste Geständnis seiner Laufbahn erhielt er so: Ein Rentner lag seit drei Wochen tot in seiner Wohnung. Irgendjemand hatte ihm den Schädel eingeschlagen und einen Besen in den Hals gerammt. Als die Leiche schließlich entdeckt wird, befindet sich unter den Schaulustigen unten auf dem Hof auch eine Frau, die nervös auf einem Fahrrad hin und her fährt. Die Beamten der Mordkommission, nicht blöd, folgen ihr. Kurze Zeit später stellt sie sich als die Exfreundin des Opfers heraus. Sie erzählt Kripokommissar Wilfling, dass ihr neuer Freund den Rentner umgebracht habe. Kurze Zeit später sind beide auf dem Weg ins Polizeipräsidium, festgenommen und über ihre Rechte belehrt. Später werden sie beide für den Mord verurteilt werden, denn die Frau hat (1.) ihren Freund angespornt, den Alten umzubringen („Schlag die Drecksau tot“) und (2.) ihm den Besen in den Hals gerammt. Das Motiv? Grausamkeit.

Oder da gab es den Polizisten, der sowohl seine Exfreundin als auch ihren neuen Freund mit Kakao in Tiefschlaf versetzte, sie bei lebendigem Leib enthauptete, zerteilte und an verschiedenen Stellen im Wald vergrub. Das Motiv? Habgier. Die Frau hatte viel Geld geerbt, das der Mörder behalten wollte (sie hatte es ihm bereits gegeben, damit er es gut anlegt). Ihr Partner musste nur deshalb sterben, weil er davon wusste. Als Wilfling den Täter fragte, wieso er die Leichenteile ohne Plastiksäcke im Wald vergrub, antwortete er „aus Umweltschutzgründen“.

Oder da gab es diese junge Frau, die ein Kind zu Hause in der Badewanne zur Welt brachte, es tot in einem Koffer durch halb Deutschland karrte und schließlich bei ihren Eltern auf dem Dachboden versteckte. Drei Monate später fand der Vater sein Enkelkind. Das Motiv? Unbekannt. Wahrscheinlich allgemeine Überforderung. Die Ermittlungen wurden eingestellt, da die Mutter sagte, sie habe das Kind tot geboren.

So reiht Wilfling einen Fall an den anderen. Und bleibt immer nüchtern dabei. „Das Zerstückeln von Leichen ist leider nicht so selten, wie man glauben mag“, schreibt er. „Im Laufe der Jahre hatten sich mehrere solcher Fälle allein im Zuständigkeitsbereich der Münchner Mordkommission ereignet. Diese schwer nachvollziehbare, abstoßende Handlungsweise hat in erster Linie rein logistische Gründe. Denn wenn das Corpus delicti verschwunden ist, kann man nichts nachweisen. Vermuten zumindest diejenigen, die sich dazu entschließen, ihr Opfer in Einzelteile zu zerlegen.“

Er lernt einen Oberarzt kennen, der mit Ärztinnen und Krankenschwestern in den nahegelegenen Forst zog, um sie an Bäume zu fesseln und „sexuelle Handlungen an ihnen vorzunehmen“ („… bekam mein Frauenbild einen Knacks …“), schaut sich Videos an, auf denen sich Menschen vor der Kamera stundenlang aufhängen und dazwischen onanieren, erzählt von Psychiatern, die selbst psychisch einen auffälligen Eindruck machen und bittet Mordgeständige, sich bei der epischen Beschreibung ihrer sexuellen Vorlieben bitte etwas kürzer zu fassen.

Er erzählt, wie er gegen seine eigenen Vorurteile ankämpft, sich von Verdächtigen instrumentalisieren lässt und lieber um fünf Minuten nach Mitternacht als vor Mitternacht jemanden festnimmt, weil er dann länger Zeit hat, um Beweise und Indizien für die Staatsanwaltschaft zusammenzutragen. Er ficht mit Zeugen, die keinen Belastungseifer zeigen, die unter dem Rock mit Intimschmuck bimmeln, die schlicht Kotzbrocken sind oder die er aus Versehen abwürgt, als sie den Mord zugeben wollen.

Wilfling spart nicht mit Ironie: „Als ich das vornehme Hochhaus betrat, war ich überrascht. Man sah auf den ersten Blick, dass hier vorwiegend Eigentümer wohnen, die bei jedem Kratzerchen im Treppenhaus eine Eigentümerversammlung einberufen.“ Tatsächlich erweist sich das Opfer als ein Kollege: „Ein Polizeioberrat sogar, Chef einer großen Abteilung bei der Verkehrspolizei. Aha, dachte ich, ein Machtmensch. Niemand hat mehr Macht als die Kollegen von der Verkehrspolizei.“

Die Mordkommission bei der Arbeit

Josef Wilfling gibt in seinem Buch Einblick in die Arbeit einer realen Mordkommission. Er enthält sich der Juristerei, der Psychologisiererei und der Moralisiererei. Zumindest weitgehend. Manchmal regt er sich schon auf über den in seinen Augen übertriebenen Datenschutz, die übertriebene Schweigepflicht (von Psychiatern etwa) oder die übertrieben blauäugigen Ermittlungsrichter. Jedenfalls sieht er da noch Spielraum.

Und, kann man die Kripo täuschen? Wilfling sagt nein. Jeder gute Vernehmungsbeamte merke gleich, wenn einer lüge. „Lüge“, denkt er dann.

„Was die Arbeit in einer echten Mordkommission betrifft, so steht die Teamarbeit im Vordergrund. Den Super-Detektiv à la Columbo gibt es nicht, und einer wie ‚Schimanski‘ würde bei keiner einzigen Mordkommission in Deutschland länger als einen Tag Dienst tun. Übrigens lag unsere Aufklärungsquote auch ohne Mithilfe eines ‚Sherlock Holmes‘ kontinuierlich zwischen 95 und 100 Prozent.“

Und was ist jetzt mit dem berühmten Eisschrank?

Passionierte Krimileser kennen das: Irgendwann kommt immer der Eisschrank. Der Autor befüllt ihn, um Signifikantes über den Charakter seines Besitzers auszusagen. Auf die Dauer ist das ermüdend. Aber jenen Ermüdeten sei gesagt: Die Ermittler schauen sich tatsächlich die Eisschränke an. Und ziehen auch ihre Schlüsse daraus: „Ich öffnete den Kühlschrank und erschrak. Außer zwei Packungen Toastbrot und einem Glas Marmelade war nichts vorzufinden. Nicht einmal eine Flasche Bier, keine Wurst, kein Käse, nichts, was das Leben lebenswert macht. O mein Gott! Was für ein armer Schlucker!“ Das war der Eisschrank eines sexuell verklemmten Studenten, der versucht hatte, eine Kommilitonin abzustechen.

Von den Morden an Walter Sedlmayr oder Rudolf Mooshammer ist im Buch übrigens nicht die Rede. Allzu viel Sensationsgier befriedigt Pensionär Wilfling also nicht. Trotzdem ist sein Buch mindestens so spannend wie Krimi.

Christiane Geldmacher

Josef Wilfling: Abgründe. Wenn aus Menschen Mörder werden.
München: Heyne 2010. 320 Seiten. 19,95 Euro.

| Spiegelinterview

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